Der erste Steinbock wurde geklaut!

Da und dort kommt es vor, dass böses Tun im Rückblick zu einer guten Tat mutiert. Ein Beispiel dafür ist die Wiedereingliederung des Steinbocks in den Schweizer Alpen vor über einem Jahrhundert. Die einstigen Diebe sind heute grosse Helden!

Es ist fast eine Operette vom Sterben und Auferstehen des Alpensteinbocks, die ich Euch heute erzähle. Vor über hundert Jahren war der Steinbock in den Schweizer Alpen völlig ausgerottet. Der Grund dafür – wie so oft – war rücksichtslose Bejagung und Wilderei. Dabei ging es gar nicht so um das Fleisch und Trophäen sondern um einen Irrglauben in früheren Zeiten.

Der Steinbock galt als kletternde Apotheke

Die damaligen Volksmedizin wurde nämlich dem Alpensteinbock zum Verhängnis. Der kräftige Hornträger, welcher den harten Bergwinter trotzte, war Symbol für robuste Gesundheit. Die kletternde Apotheke war gegen oder für alles – heilend oder magisch. Und so wurde vom Horn über Herz, Mark und Blut alles für die „Medizin“ verwendet.

Bereits im 15. Jahrhundert fielen im Kanton Glarus und im Gotthardgebiet die letzten Steinböcke den Jägern zum Opfer. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts war das Steinwild in Graubünden Legende. Der letzte Schweizer Steinbock wurde dann im Wallis 1809 zur Strecke gebracht – der „König der Berge“ war ausgerottet. Ironie des Schicksals – der Bundesrat stellte den Steinbock 1875 unter Schutz, als es längst kein einziges Tier mehr gab.

Nur noch ein König besass einige Tiere

Ausserhalb der Schweiz – im Alpenraum Österreichs, Deutschlands, Italien und Frankreichs war es dem Steinbock nicht besser gegangen. Einzig im italienischen Aostatal überlebte eine Kolonie Steinböcke – diese wurde für die königliche Jagd unter Schutz gestellt und von einer grossen Zahl Wildhüter strengstens bewacht. Nur die Könige selber durften die Steinböcke jagen. Der letzte König, der dieses Jagdrevier pflegte, war Vittorio Emmanuele III. So durch die Könige geschützt vermehrten sich die Steinböcke erfreulicherweise.

Auf der anderen Seite des Alpenkammes hegten die Schweizer immer mehr den Wunsch, den Steinbock wieder anzusiedeln. Die Schweizer Regierung bat den italienischen König um ein paar Exemplare, aber dieser hatte dafür kein Gehör und rückte kein einziges Exemplar heraus.

Dann wird halt geklaut!

Da entschieden einige Schweizer sich die Tiere beim italienischen König einfach zu klauen. Ein Arzt, ein Hotelier und Sympathisanten heuerten einen italienischen Wilddieb an. Diesem gelang es 1906 ein Böcklein und zwei Geisslein zu klauen und in einer abenteuerlichen Schmuggelaktion vom Aostatal ins Wallis zu tragen.

Im St. Galler Wildpark „Peter und Paul“ wurden die drei Jungtiere aufgepäppelt und grossgezogen. Diese drei „geklauten“ Tiere gelten heute als Ausgangspunkt für eine in der Geschichte einmalige Wiederansiedlungsaktion. In der Folge wurden noch weitere Jungtiere geklaut und in die Schweiz gebracht – diese Diebstähle wurden vermutlich noch bis 1915 fortgesetzt.

Nachwuchs stellte sich ein und die ersten Tiere wurden ausgesiedelt

1909 war die Freude in St. Gallen gross, als sich der erste Nachwuchs einstellte. Bereits 1911 konnten so fünf Steinbock-Paare im St. Galler Oberland ausgesetzt werden. Mehr als hundert Jahre nach dem Aussterben waren freilebende Alpensteinböcke in der Schweiz wieder Tatsache! Der „König der Alpen“ war zurück!

Der Steinbockbestand entwickelt sich sehr gut. In den 1950er Jahre wurden Tiere mit Narkosegewehren betäubt und in andere Berg-Regionen, wie auch im alpinen Ausland, angesiedelt.

Heute gibt es in der Schweiz wieder mehr als 17’000 freilebende Steinböcke

6’000 Capricorns (Steinbock auf Rätoromanisch) leben heute in Graubünden, in der ganzen Schweiz schätzt man auf 17’000 freilebende Exemplare. Rund 45’000 Exemplare umfasst der Gesamtbestand in den Alpen, wobei hier stets der Alpensteinbock gemeint ist. Seine nahen Verwandten, der Äthiopische oder Westkaukasische Steinbock findet man auch in anderen Gebirgsregionen.

Inzwischen haben sich die Kolonien derart vermehrt, dass die Jagd auf die Tiere im beschränkten Umfang seit einiger Zeit wieder frei gegeben wurde. (Hegejagd)

In der Schweiz ist der Alpensteinbock Symboltier des Naturschutzes geworden und die Wieder-Ansiedlung dieses wunderschönen Tieres gilt weltweit als einzigartig. Allerdings basiert dieser Erfolg auf Wilderei, Diebstahl und Schmuggel! Der Zweck heiligt halt manchmal doch die Mittel …

Wie und wo sind die Bilder entstanden?

Die Bilder dieses schönen, kapitalen Steinbocks habe ich im Wallis geschossen. Völlig unerwartet, denn ich war lange Zeit in den Plessurer Alpen (Graubünden) unterwegs und hoffte immer, dass ich mich irgendwo einmal einem Steinbock nähern kann. Viele Tipps hatte ich von den Einheimischen erhalten und diese auch berücksichtigt. Steinbock-Herden hatte ich zwar gesehen, aber meistens waren diese irgendwo auf der anderen Talseite oder weit oben über mir.

Ausgerechnet im Wallis auf einer Wanderung im Gonergrat-Gebiet bin ich quasi auf „Steinbocksprung-Distanz“ einem solchen Tier begegnet.

Dass dies nur mit Glück zu tun hat, bezweifle ich dann doch etwas. Vermutlich hat es eher mit den von „Touristikern“  gelegten Salzsteinen zu tun, welche die Steinböcke in die Nähe der Wanderwege anlocken. Wie auch immer, so bin ich zu einem wunderschönen Fotomotiv und einer tollen Begegnung gekommen. Und endlich hatte ich meinen Steinbock in meiner Fotosammlung.

Die Steinböcke am Gornergrat (Zermatt) sind natürlich trotzdem Wildtiere – es hat in diesem Gebiet einige Herden.

Quellen: Wikipedia, Homepage Graubünden Ferien, Erzählungen von bekannten Jägern, Berichte in der Presse, usw.

Michael’s Beers & Beans ist ein Hobby-Blog und nicht kommerziell. Ich bin ein fotografischer Geschichtenerzähler, erzähle was ich auf einer Reise oder sonst irgendwo so aufgeschnappt habe. Dieser Post ist in Ergänzung zu meinen Bildern als Small Talk, Gedankenaustausch und Plauderei zu verstehen, hat daher weder den Anspruch vollständig, noch komplett aktuell zu sein. Alle Informationen sind ohne Gewährleistung auf Vollständigkeit und Richtigkeit. Um sich in ein solches Thema zu vertiefen, empfehle ich unbedingt weitere Quellen zu überprüfen.

Text 2019 / Bilder September 2016

Verfasst von

Michael’s Beers & Beans – Stories and Photos posted by Michael Schneider – ideas brewed with water of the Rhine. (Blogging for Fun / Non-Commercial) Zurich & Lake Constance

7 Kommentare zu „Der erste Steinbock wurde geklaut!

    1. Liebe Andrea, es ist mir auch so gegangen und ich habe einfach gedacht, ich muss diese Geschichte mit diesen Fotos verknüpfen. Irgendwie ist es auch ein Bespiel, dass wir Menschen auch die Möglichkeiten hätten Fehler im Umgang mit der Natur zu korrigieren. Herzlichen Dank für Dein Feedback und LG, Michael

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