Grün oder Grau? Was mir niemand über die Nordlichter erzählt hat!

Mit ganz falschen Vorstellungen und Ansprüche ging ich auf meine erste Nordlicht-Reise nach Island. Heute nach zahlreichen unvergesslichen Nordlicht-Begegnungen weiss ich, dass ich mich von vielen Berichten und Fotografien in Magazinen und am Fernsehen hatte blenden lassen.

Entdeckt habe ich ein ganz anderes Nordlicht, anders als erwartet. Und doch so faszinierend. Meine Wahrnehmung der Nordlichter sowie die Erfahrung in der „Nordlicht-Jagd“ habe ich hier zusammengefasst und gebe diese gerne weiter. Denn mit dem richtigen Wissen und runtergeschraubten Erwartungen macht eine Reise zu den Nordlichtern viel Freude.

Im Jahre 2015 begann meine Suche nach den Nordlichtern und ich hatte seit her das Glück bereits das dritte Mal in Norden zu reisen um die ästhetischen Polarlichter zu beobachten.

Im Herbst 2015 reisten meine Lebens-Partnerin und ich nach Nord-Island. Etwas südlich vom 66° Breitengrad (Polarkreis) bezogen wir ein schönes, etwas abgelegenes Ferienhaus am Eyjafjörður.

Schon in der zweiten Nacht erschienen die erhofften Nordlichter. Zuerst waren wir unsicher, sind es wirklich Nordlichter? Am Himmel erschienen weiss-gräuliche Schleier, die sich bewegten. Nach einer Stunde verschwanden diese wieder. Waren dies jetzt die Nordlichter? Auch in der nächsten Nacht erschienen diese blassen, weisslichen Schleier – anfänglich machte sich bei mir Enttäuschung breit. Wo waren diese knalligen, leuchtenden Polarlichter?

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine Ahnung, was sich in diesem Moment dort oben in dieser arktischen Nacht abspielte. Doch sie waren da – diese Polarlichter!

Was mir niemand über die Nordlichter erzählt hatte

Nachfolgend erzähle ich Euch, warum die Nordlichter weiss-gräulich und eigentlich doch grün oder sogar farbig sind, erzähle von meinen falschen Erwartungen und gebe viele Tipps und Erfahrungen weiter. Damit vielleicht Deine Reise zum Nordlicht spannend und ohne Enttäuschungen bleibt.

Don’t go for the Northernlights

Nordische Landschaften

Heute reise ich auch im Herbst- und Winter wegen der Schönheit der Landschaft und der Lebensart der dortigen Menschen in den hohen Norden. Eine Reise nur mit dem Zweck Nordlichter zu sehen, mache ich nicht mehr und empfehle dies auch niemandem. Denn es gibt keine Garantie Nordlichter wirklich zu sehen. Es kann sein, dass die Nordlichter keine Lust haben zu erscheinen, die Sonne gerade eine ruhige Kugel schiebt, das Wetter tagelang regnerisch und stürmisch ist, ich selber gerade am falschen Ort bin oder ganz einfach verschlafe!

REISE ZUM NORDLICHT – WO GIBT ES GUTE ORTE FÜR DIE BEOBACHTUNG? Du findest unter diesem Link eine paar Tipps, an welchen Orten die Nordlichter gut zu sehen sind – von Shetland bis Norwegen.

Nordlichtjäger – die Nordlichter sind unberechenbar

Der Nordlicht-Jäger (2019)

Eines habe ich schnell gelernt, der Begriff „Nordlicht-Jäger“ ist gar nicht so falsch. Wie ein Jäger muss ich die Natur lesen können, die Zusammenhänge verstehen, damit ich zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort stehe. Als erstes brauche ich eine dunkle, klare Nacht. Am Polarkreis sind daher die Nordlichter von Ende August bis Anfang April während der dunklen Stunden sichtbar.

Ein weiterer Aspekt sind die Sonneneruptionen oder Sonnenwinde; die Aurora Borealis entsteht, wenn Partikel aus der Sonne in die Erdatmosphäre gelangen und heftig mit den Gasatomen kollidieren. Dies bedeutet, ich muss also auch ein bisschen die Sonne beobachten, was die Sonne gerade für Teilchen ins All schleudert. Normalerweise erreicht dieser Teilchenstrom bei einer Geschwindigkeit von ca. 400 km pro Sekunde innerhalb von zwei bis drei Tagen die Erde. Damit ich weiss, wann die Teilchen das Nordlicht zum glühen bringen, brauche ich eine Aurora-Vorhersage. Zum Glück gibt es heute dazu verschiedene Apps, welche den Grad der Aurora-Aktivität vorhersagen.

Und ich brauche Zeit, daher gilt je länger mein Aufenthalt in einer Polargegend, umso mehr die Chance Nordlichter zu sehen. Ein kurzer Wochenend-Trip wird dann doch öfters in einer Enttäuschung enden, einfach weil auf die Nordlichter kein Verlass ist.

Nach den Nordlichtern kann ich die Uhr stellen …

Nordlicht vor dem Haus während der blauen Stunde (2016)

Irgendwo hatte ich gelesen, dass das Nordlicht pünktlich um Mitternacht erscheint. So hatte ich mich anfänglich darauf eingestellt, erst nach Mitternacht raus in die dunkle Nacht zu gehen. Inzwischen weiss ich, auch das war falsch. Eines meiner schönsten Nordlicht-Erlebnisse hatte ich im Herbst auf den Lofoten nach Sonnenuntergang, während der blauen Stunde.

Wobei eine gewisse Regel scheint es doch zu geben. In der dunklen Jahreszeit erscheint das Nordlicht selten vor 18.00 Uhr. Nach 19.00 Uhr ist die Chance am grössten, das Nordlicht mehrmals zu sehen, am kräftigsten leuchten diese zwischen 22.00 und 23.00 Uhr, nach Mitternacht nimmt die Häufigkeit dann wieder ab.

Es muss nicht kalt sein, um das Nordlicht zu sehen

Pause vor der Nordlichtjagd bei 18 Grad im September auf den Lofoten – mildere Tage können vorkommen, die Nächte sind gerade anfangs Herbst noch „erträglich kühl“. Rund zwei Stunden nach dem dieses Bild entstanden ist, erschienen die ersten Nordlichter am Himmel.

Anfänglich war ich der Meinung, dass es eisig kalt sein muss um das Nordlicht zu sehen. Der Bergriff Polarnacht, welcher oft im Zusammenhang mit den Nordlichtern genannt wird, hat mich zu diesem Missverständnis gebracht. Richtig ist, dass die Nordlichter das ganze Jahr erscheinen, auch im Sommer. Sehen kann man diese nur in der Dunkelheit, daher eigenen sich die langen Nächte in der Zeit von August – März am Besten.

In der Arktis sind die Polarnächte meistens klar

Klare Nacht über Island – aber weit und breit kein Nordlicht, nur die Sterne funkeln am Himmel.

Nun, darauf bin ich dann nicht hereingefallen. Wohl schon zuviel schlechtes Wetter in Lappland und in Island erlebt. Klar ist, das Wetter in der Arktis genauso unvorhersehbar ist wie das Nordlicht selbst. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Sonne, Wolken, Regen, Graupel, Hagel, Schnee und starke Winde an einem Tag auftreten. Die vier Jahreszeiten an einem Tag, wie die Isländer dies nennen. Und oft war es so, dass ich bei einem aufgeklartem Himmel aufgewacht bin, dies aber nicht bedeutete, dass dieser kristallklare Himmel bis zur Sichtbarkeit des Nordlichts bestehen blieb. Einer der spannendsten und stärksten Nordlicht-Beobachtung hatte ich nachdem es den ganzen Tag geregnet hatte. Der Himmel riss erst nach 22.00 Uhr völlig überraschend auf – bis 03.00 Uhr erlebte ich zusammen mit meiner Frau die bisher intensivsten Nordlichter.

Du musst Dich aktiv bemühen um das Nordlicht zu sehen

Auf der Suche nach geeigneten Beobachtungsplätzen – die Strassenverhältnisse in der Polarregion sind oft schwierig – besonders nachts.

Ich wiederhole mich, aber es muss dunkel sein, um das Nordlicht zu sehen. Dies bedeutet, dass ich die Stadt oder Siedlung verlassen muss, um der Lichtverschmutzung zu entgehen. Das Nordlicht ist in Städten wie Reykjavik und Tromsø nur sichtbar, wenn es sehr stark leuchtet. Daher gibt es nur eins, raus fahren in die arktische Landschaft. Schlussendlich bedeutet dies für mich viele Nächte durchzumachen, den Wecker stündlich zu stellen. Kamera und Jeep einsatzbereit, damit wenn es los geht, ich sofort an einen vorher rekognoszierten dunklen Platz fahren kann. Aber Achtung, die Strassenverhältnisse nachts sind gerade in Island wieder eine Herausforderung für sich.

Blick in Richtung Norden

Wo ist Norden?

Dies ist jetzt logisch, oder? Na ja, irgendwie war ich ja im Norden und hab dies halt wieder vergessen. In die falsche Richtung geguckt. Es ist aber wirklich so, in Richtung Norden sehe ich die ersten Anzeichen, wenn Nordlichter entstehen.

Das Nordlicht erscheint in einem Spektrum von Farben, aber meistens ist es weiss-grau

grün-rotes Nordlicht über dem Eyjafjörður (2019)

Meine ersten Nordlichter waren weiss-graue Schleier oben am Himmel. Nur zu unterscheiden von den Schleierwolken, da sich die weiss-grauen Nordlichter anders bewegten. Bei stärkeren Nordlichter empfand ich diese als pastellfarben grün, manchmal mischte sich ein leichtes rot darunter.

In diesem Punkt bin ich mit einer ganz falschen Vorstellung erstmals in den Norden gereist. Die Langzeitaufnahmen vieler Fotografen sind intensiv, leuchtend grün, bei einigen sind sogar rote, violette Farbtöne dabei. Am PC werden diese Nordlicht-Aufnahmen mit dem weiss/schwarz Regler (oder anderen Techniken) sogar noch intensiver zum Leuchten gebracht. Auch meine Bilder gleichen in den Farben den gängigen, intensiven Fotografien von Nordlichtern. Gesehen habe ich die Nordlichter in der Realität ganz anders.

Mein erstes Nordlicht habe ich etwa in dieser Art gesehen. Die Kamera hat dieses als grünes Licht aufgezeichnet, ich habe dies dann in Lightroom nachträglich korrigiert, so wie ich es wirklich gesehen habe. (Bild 2015)

Die heutigen digitalen Fotokameras nehmen mit ihren hochempfindlichen Sensoren das elektrische Licht im Prinzip wahrheitsgetreu auf. Wir Menschen dagegen sehen die Polarlichter unterschiedlich. Und die Erklärung dafür, wie könnte es anders sein, ist kompliziert. Eine Rolle spielt der Standort, das noch vorhandene Restlicht aus den umliegenden Siedlungen, die Intensität des Nordlichtes selber sowie allfälliger Mondschein. Und das eigene Sehvermögen. Ich habe in der Dämmerung und Nacht ein durchschnittliches Sehvermögen, daher nehme ich erst bei stärkeren Lichterscheinungen leichte Farbtöne wahr. So kann ein jüngerer Mensch durchaus gleichzeitig ein intensiveres Farberlebnis empfinden.

Nachts sind alle Katzen grau, daher sind die Nordlichter weiss-grau?

MEIN ERSTES NORDLICHT SAH ICH WEISS, NICHT GRÜN … Mehr zu diesem Thema, wie ich die Nordlichter persönlich gesehen habe findest Du unter diesem Link.

Bei Vollmond gibt es kein Nordlicht

Nordlicht und Vollmond (2016)

Noch so ein Missverständnis, dass ich anfänglich hatte, bei Vollmond sei das Nordlicht nicht sichtbar. Ich habe das Nordlicht – wie dieses Foto beweist – schon mehrmals bei Mondschein beobachtet. Für mich als Fotograf eine tolle Sache, so kann ich mit den verschieden Lichtern spielen, der Mond erhellt dazu wunderschön die umgebende Landschaft.

Die Nordlichter kann man anfassen …

wabernder Nordlichtregen über den Lofoten (2016)

Manchmal habe ich tatsächlich das Gefühl, die Nordlichter fallen auf mich herab und ich kann diese anfassen. Oder diese scheinen aus Bergen zu schiessen wie Lava aus einem Vulkan, aber klar es ist alles nur eine optische Illusion. Das Nordlicht, das der Erde am nächsten kommt, ist 80 Kilometer über der Erdoberfläche. Im Vergleich dazu fliegen Flugzeuge etwa 10 Kilometer über der Oberfläche. Also nichts zum anfassen …

Die Nordlichter werden für immer verschwinden, sind nur noch eine Zeit lang zu sehen

schwaches Nordlicht in Nord-Norwegen (2016)

Diesem Irrtum bin ich richtig aufgesessen. Das Jahr 2015 hätte eines der letzten grossen Nordlicht-Jahre werden sollen. Ich habe meine erste Nordlicht-Reise nach Island tatsächlich aufgrund eines Berichtes „Last chance to see the Northern Lights before they disappear“ auf das Jahr 2015 vorgezogen.

Ist natürlich quatsch … und doch nicht ganz. Und schon wird es wieder kompliziert. Die Anzahl der Sonnenflecken wirkt sich irgendwie auf die Nordlicht-Aktivitäten aus. Es gibt einen Sonnenfleckenzyklus, das heisst die Anzahl der Sonnenflecken schwankt mit einer Periode von rund 11 Jahren. Am meisten Sonnenflecken sind im April 2014 beobachtet worden, das Aktivitätsminimum fand zuletzt 2008 und nächstens um 2020 statt, dann sind gar keine Sonnenflecken auszumachen.

Es scheint zu sein, dass die Nordlichter beim Sonnenfleckenmaximum aktiver und intensiver sind. Allerdings hat dies nur eine Auswirkung, dass während dieser Zeit die Nordlichter weiter südlich als üblicherweise zu sehen sind, da mehr elektrisch geladene Teilchen die Erde erreichen. Auf die Aurora Borealis im hohen Norden hat dies fast keinen Einfluss. Umgekehrt gesehen, die Polarlichter erscheinen auch wenn keine Sonnenflecken auf der Sonne zu sehen sind.

Gerade im Juni 2019 waren die Aktivitäten relativ stark. Dies zeigt, dass auch bei geringen Sonnenfleckenanzahl es trotzdem zu starken Eruptionen auf der Sonne kommen kann, bei denen grosse Mengen an Plasma in den Weltraum ausgestossen werden.

Die Idee der „Nordlicht-Touristiker“ mit dem verschwindenden Nordlicht war ein guter Werbegag. Ich bin darauf hereingefallen. Und ich bin mir sicher, dass die Werbung um das Jahr 2025, diesen Gag wieder auspackt und dann heisst es wieder „Letzte Chance, die Nordlichter zu sehen, bevor sie für immer verschwinden.“

Wie auch immer – wer die Chance hat eine Reise in den hohen Norden zu unternehmen sollte unbedingt die Polarlichter miteinplanen. Es ist immer wieder ein faszinierendes und mystisches Erlebnis in der Nacht draussen in der Natur zu stehen und die Nordlichter oben am Himmel zu beobachten!

Michael’s Beers & Beans ist ein Hobby-Blog und nicht kommerziell. Ich bin ein fotografischer Geschichtenerzähler, erzähle was ich auf einer Reise oder sonst irgendwo so aufgeschnappt habe. Dieser Post ist in Ergänzung zu meinen Bildern als Small Talk, Gedankenaustausch und Plauderei zu verstehen, hat daher weder den Anspruch vollständig, noch komplett aktuell zu sein. Alle Informationen sind ohne Gewährleistung auf Vollständigkeit und Richtigkeit. Um sich in ein solches Thema zu vertiefen, empfehle ich unbedingt weitere Quellen zu überprüfen.

Alle Fotos by michaels’s beers&beans, diese wurde auf Island (2015 – 2019) oder den Lofoten (2016) aufgenommen

7 Gedanken zu “Grün oder Grau? Was mir niemand über die Nordlichter erzählt hat!

  1. Wunderschöne Polarlichterfotos, in denen sicher sehr viel Arbeit steckt! Ich könnte sie sicherlich nicht so einfangen. Im September 2018 haben wir völlig überraschend und unverhofft Polarlichter in der Nähe von Halifax sehen dürfen, von der Autobahn aus! Erst konnte ich es nicht fassen, aber es gab sogar eine Meldung im Radio dazu. Das Flackern war einfach andersartig, und das Licht sehr hellgrünlich. Erst dachte ich, es seien große Strahler. Es war ein überwältigendes Gefühl, das ich nie vergessen werde.

    1. Halifax ist ja vom Polarkreis doch einiges südlich entfernt, starke Nordlichter können aber auch weit unter dem Polarkreis wahrgenommen werden. Und ich kann mir vorstellen, dass Nova Scotia auch noch wenig „Lichtverschmutzung“ hat, da steigen die Chancen dann um Nordlichter zu sehen. Ich selber habe schon einmal ein kleines Nordlicht-Erlebnis an einem der Strände vor Dublin gehabt – auch hier Dank einer Durchsage im Radio. Herzlichen Dank für Dein Feedback – so schwierig ist das mit den Fotos auch wieder nicht. Und heute reicht ein kleines Stativ und ein Smartphone – dies gibt nicht gerade „Profibilder“, aber für eine eindrückliche Erinnerung auf dem Smartphone sind die Resultate schon erstaunlich. LG, Michael (P.S. Vom Schnee wie bei Euch auf dam Blog zu sehen, können wir hier in der Schweiz im Unterland im Moment nur träumen.)

  2. Nordllichter stehen auch noch auf meiner Bucketlist. Als wir Anfang März 2017 auf Island waren hatten wir große Hoffnungen und nachts fast immer bedeckten Himmel. Da half auch die Nordlicht App nicht :-). Vielen Dank für den schönen Artikel!
    Inge

    1. Hallo Inge, auf meinen ersten Island-Reisen waren die Nordlichter gar kein Thema. Erst als ein Isländer an einem August-Abend mich darauf aufmerksam machte, es wäre ein gute Nacht für Nordlichter, realisierte ich erst, da war doch noch was? Allerdings in diesen August-Nächten war entweder nichts oder es war bedeckt. Es vergingen dann noch ein paar Jahre, bis ich „meine“ ersten Nordlichter gesehen habe. Ich wünsche Dir bei Deiner nächsten Island-Reise ganz viel „Segulljós“! LG, Michael

  3. Es gab einige Kollegen und andere, die mich nach dem Urlaub [in Norwegen] gefragt haben, ob wir Nordlichter gesehen hätten. Im Juni. Die Frage ist ungefähr so sinnvoll wie die nach einem Orgasmus bei einer Wurzelbehandlung. Hat ein normaler Mensch noch nie erlebt. Was wir hingegen gerade erleben, ist die Instagrammisierung des Abendlands. Die Leute denken wirklich, was sie dort sehen, ist die Wirklichkeit. Sie scheinen nicht zu begreifen, dass hinter dem, was sie dort sehen, ein Riesenaufwand steckt, meist eine Heidenarbeit. Sie denken, ihre Instagrammer zücken mal eben ihr Handy und knips, knips ist das Ding im Kasten. Und in ihrer Freizeit glauben sie an den Klapperstorch und dass die Geburtenrate sinkt, weil es immer weniger Störche gibt.

    Dass die Sonne im hohen Norden nicht untergeht, haben sie wohl in der Schule verpasst. Oder nicht geglaubt oder was weiß ich. Also im Norden ist es im Sommer hell, lange hell, oft so lange, dass es schon wieder hell wird, bevor es dunkel werden konnte. Man sieht dort im Sommer keine Sterne, wirklich. Kaum einmal den Mond. Und garantiert sieht man im Sommer keine Polarlichter. Niemals. Nicht jenseits des Polarkreises. Nein, sie glauben, man steigt in Norwegen aus dem Flieger und wartet, bis die Nordlichter erscheinen. Haben sie doch schon tausendfach auf Instagram oder sonstwo gesehen, kann ja nicht so schwer sein. Mit derselben Gedankenlosigkeit rebloggen sie Landschaftsbilder, von denen sie nicht einmal ahnen, wieviele Stunden oder Tage es gedauert hat, bis diese im Kasten waren. Wieso? Ist doch im Internet, ist doch umsonst, sieht doch geil aus. Und wären selbst doch niemals imstande auch nur ein blasses Abziehbild dessen zu erstellen, was sie da gedankenlos verbreiten, oder noch schlimmer, sich damit schmücken.

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