Corona WebLog #7

Corona Weblog

Meine anderen Ostern

Schönes Wetter, fast schon sommerliche Temperaturen! Besser hätten wir es über Ostern nicht haben können. Diese Ostern waren anders, vom Lock Down überschattet. Ostern ohne alles. Es waren verwirrende, spezielle Tage, zudem geprägt durch mein schlechtes Gewissen!

Es fing schon an bei meinem Plan an Ostern etwas zu wandern, so ums Haus rum war die Idee. Doch dann stürzte mich der beliebte Volkswanderer Nik Hartmann in die Ungewissenheit. Er bezeichnet in einem Interview alle “als Tuble”, die jetzt noch raus zum wandern gehen würden. Soll ich? Oder lieber nicht?

Meine Lebenspartnerin und ich sind trotzdem gegangen – nur zu zweit. Etwas verstohlen, haben wir kleine Wanderungen direkt vom Haus aus unternommen. Haben Wege gesucht, wo uns niemand sieht. Uns angezogen als wären wir nur Spaziergänger. Dieser “Ausbruch” in die Natur,  die Bewegung hat uns gut getan. Es war ja nicht verboten. Auf unserem Weg sind uns andere wandernde Menschen begegnet, immer grosszügig und höflich ausgewichen. Zudem haben alle ganz freundlich gegrüsst. Übrigens auch die Velofahrer.

Am Ostersonntag verteilten wir ein paar Osterhasen. Mit dem Auto. Die Osterhasen hatten wir vorher Online bei einer Schweizer Confiserie bestellt. Das Paket kam rechtzeitig an, doch die Osterhasen hatte ich mit schlechtem Gewissen ausgepackt. Weil die Post uns Online-Shopper stark kritisierte, wir würden alle so viel unnützes Zeugs bestellen! Damit hätten wir eine unbewältigbare Päckliflut ausgelöst. Sind die Schoggi-Osterhasen unnütz?

Also fuhren wir früh morgens am Ostersonntag mit dem Auto los auf eine kleine Runde um unsere beiden isolierten Müttern und anderen Bekannten einen Ostergruss in den Briefkasten zu legen. Dabei fiel mir auf, dass ich als Wochenendaufenthalter ja mit einem ZH-Kennzeichen unterwegs war! Angst überkam mich, dass die Locals (also die Thurgauer) mich als “Ausflügler” aus der ungeliebten Gross-Stadt hielten! Ich wurde unruhig, es waren ja auch die Ostern unter Beobachtung. Man hörte und las ja von Hunderten von Denunziationsversuchen – allerdings mit einer Gemeinsamkeit laut Presse: «Zumeist fanden die Polizeien keine Verstösse.» Dazu hätte dann meine „Osterhasen-Ausfuhr“ mit ZH-Kennzeichen im Thurgau wohl auch gezählt, da nicht verboten.

Auf dem Seerhein tuckerten ein paar Boote über das blaue Wasser, einige SUP’s liessen sich von der Strömung treiben. Die SUP’s und Bootsführer hatten einen „sicheren“ Zufluchtsort gefunden. Abstand wird hier gepflegt, nicht zu nahe aneinander ran gehört zur Regel auf dem See, unabhängig von Corona. Das Boot ist in diesen Zeiten noch mehr Luxus: ungestört in der Natur, die Frühlings-Landschaft am Ufer zieht vorbei. Ob ich mir ein Boot oder vielleicht ein SUP anschaffen sollte? Kann man Bootfahren in diesen Tagen einfach ohne schlechtes Gewissen?

Karfreitag. Die Glocken unserer kleinen Kirche läuteten zur Messe. Nur da war keine. Also keine richtige, nur eine virtuelle. Unser Pfarrer begrüsste die Gläubigen in der leeren Kirche via Livestream auf YouTube. Eigentlich wollte ich in den Livestream reinschauen. Schlechtes Gewissen – vielleicht ein bisschen …

Und wir haben Freunde, Nachbarn getroffen. Zum ersten Mal seit langem – ein kleiner Schwatz dort, einer da – immer aus sicherem Abstand. Nur ein paar Worte zu tauschen war schon ein kleines österliches Glück. Mit einem Bekannten trank ich sogar unten an der Seepromenade ein Bier – wir sassen auf der Kaimauer, liessen die Beine baumeln. Blinzelten in die Sonne. Zwischen uns vermutlich 3 Meter Distanz – doch wir fühlten uns beobachtet und wieder beschlich mich dieses coronahafte, schlechte Gewissen.

Es gab ein Ort, wo ich mich ohne schlechtes Gewissen bewegen konnte. Zuhause – my home is my castle! Wir haben gebacken und gekocht. Viel mit unseren Liebsten kommuniziert – WhatsApp und Facetime sind heiss gelaufen. Sogar Postkarten geschrieben, einfach so. Und der Balkon entwickelte sich zum sommerlichen Refugium.

In dieses sommerliche Gefühl mischte sich der Gedanke, alles ganz schön, aber für nächstes Jahr wünsche ich mir ganz normale Ostern! Selbst wenn es regnen sollte! Wird dies ein frommer Wunsch bleiben? Die Corona-Pandemie ist nun mal kein Entschleunigungsexperiment. Sondern es geht weiter. Die Routine nach diesen Ostern wird die eigene sein, aber auch die draussen in der Welt: immer noch Corona-Kranke auf den Intensivstationen, weiterhin werden wir Todesopfer beklagen müssen. Die Existenzsgrundlage vieler Menschen ist am Boden zerstört, vielleicht erhalten sie eine Chance diese wieder aufzubauen. Die Rezession wird folgen. Und unsere Freiheit? Wie sieht diese an den nächsten Ostern wirklich aus?

Schwarzseherei? Nein, meine Zuversicht ist gross. Nur, je länger es geht, wird klarer, dass der bundesrätliche Vergleich mit dem Marathon nicht übertrieben war. Und wir haben noch ein sehr langes Stück vor uns. Und viele haben gesagt, die Welt wird danach anders aussehen. Doch niemand hat dabei geglaubt, dass diese andere Zukunft einmal Realität wird. Vielleicht haben wir die Chance darin viel Gutes zu machen, etwas weniger für uns selber, dafür etwas mehr für die Gesellschaft, die Natur und das Klima.

So bleibt es an mir mich in Bescheidenheit weiter zu üben. Alles durchzustehen und auszuhalten – so gut wie ich es nur kann. Und mein Bestes zu geben.

Diese Ostern waren anders …

Bilder: Symbolbilder April 2020 (ausser Osterhase & Schlussbild von 2019)

Ein Gedanke zu “Corona WebLog #7

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.