Corona Weblog #23: Dritte Welle, na und?

Die mahnenden Wissenschaftler scheinen recht zu haben. Die dritte Welle an Infektionen mit dem Coronavirus nimmt Fahrt auf. Die Corona-Zahlen steigen jeden Tag an.

Na und? Beiläufig nehme ich diese 3. Welle zur Kenntnis.

Vor einem Jahr war dies noch anders, die Pandemie war zu Beginn ein Schock für mich. Um diese Zeit auch wirklich zu verstehen, hatte ich mich entschlossen ein Corona-Tagebuch zu schreiben, ein Teil davon hier als Corona-Weblog zu führen. Schreibend konnte ich Ordnung in meinen Gedanken schaffen. Die vielen persönlichen Erfahrungen, die Reaktionen in meinem Umfeld sowie die nie enden wollenden Entscheidungen der Regierung einzuordnen.

Die dritte Welle ändert daher nicht viel. Es bleibt diese Shutdown-Routine. Mit stoischer Akzeptanz habe ich die anfängliche Angst und innere Bedrängnis wegekämpft, erkannt dass mein “beschütztes” Leben und meine Freiheit unterbrochen ist.

Privilegiert darf ich in einer “geschützten Bubble” leben. Trotzdem ist mein Leben von der Pandemie belastet. Die Aufgaben in meinem Job waren anfänglich geprägt vom Überlebenskampf, noch nie wurde mir meine Verantwortung so bewusst vor Augen geführt wie in den ersten Monaten der Pandemie. Und heute noch lässt mir die Pandemie in meiner Arbeit keine Ruhe.

Unterbrochen wurde das Miteinander mit Freunden und Kollegen. Sichere, vertraute Orte – wie Restaurants, Theater und Museen – sind geschlossen. Wichtige Orte, wie wichtig zeigte mir die Pandemie erst richtig auf.

Und dann ist da die Gefahr. Ich habe Freunde, Bekannte oder Menschen in meinem geschäftlichen Umfeld, deren Angehörige an Covid gestorben sind. Kenne Gleichaltrige die einen schweren Krankheitsverlauf durchgemacht haben, die noch an den Folgen leiden.

Die Verwundbarkeit meiner Familie, geliebten Menschen sowie meine eigene ist allgegenwärtig. Noch immer. Diszipliniert halte ich mich an das was mir logisch, aber auch daran was vorgeschrieben ist. Und ich machte Fehler.

Im späten Herbst traf mich der Todesfall eines sehr geliebten Menschen. Meine Emotionen und Traurigkeit liessen mich unvorsichtig werden. Das Bedürfnis nach Umarmung, Berührungen waren stärker als das Bewusstsein für die Gefahr. ”Coronatechnisch” war es eine Katastrophe. Zum Glück ist niemandem etwas passiert. Im nachhinein hat es mir gezeigt, dass ich die Massnahmen zwar richtig finde, aber es gibt Momente da ist es unmöglich diese einzuhalten.

Wie schwierig es ist in der Pandemie Abschied zu nehmen hat mir diese Beerdigung vor Augen geführt. Die Masken, die fehlenden Berührungen, sich aus dem Weg gehen zu müssen, all dies verunmöglicht Trauer, es bleibt nur ein Schmerz des Nicht-Abschiednehmen-Könnens.

Aus vielen dieser persönlichen Corona-Erlebnissen habe ich ein grosses Unverständnis gegenüber den Corona-Leugnern und Massnahmen-Verweigerer entwickelt. Aus allen möglichen Bewegungen haben diese sich zu einer grossen, lauten Gruppe vereint, die in erster Linie Wissenschaftsfeindlich gestimmt sind. Welche die Berichterstattung in der Schweizer Presse, TV und Radio ablehnen und sich stattdessen auf Telegram, Youtube und anderen globalen Plattformen informieren. Diese glauben ernsthaft, die Schweiz sei eine Diktatur. Es beunruhigt mich, dass die Corona-Pandemie eine Gruppe befeuert hat, die sich von der realen Welt einfach abkoppelt. Ohne Verantwortung dafür übernehmen zu müssen. In ihren Augen scheint nicht Wissen Macht zu sein, sondern die Verbreitung von Lügen und Hass.

Die Regierung dagegen führt uns durch diese Pandemie. Was schlussendlich richtig war und nicht wird die Geschichte zeigen. Vieles wird gar nicht so falsch gewesen sein. Surreal dagegen zeigen die politischen Parteien noch offener als je zuvor, dass Streit ihr höchstes Gut ist. Selbst in diesen schweren Krisenzeiten stehen nicht Fürsorge, Familien, die Gesundheit, die Wirtschaft oder gar Solidarität im Vordergrund sondern die Schlacht für sich. Der wirkliche Antrieb der nationalen Partei-Politiker liegt offenbar im Kampf einem anderen eine Niederlage zuzuführen. Bezeichnend dafür stand der Versuch unseres Parlaments die Pandemie per Dekret als beendet zu erklären und uns Menschen selbst dem Virus zu überlassen. Hier ging es nicht um die nationale Katastrophe, sondern nur um Wahlen und Machterhalt.

Dabei hätten die Vertreter der politischen Parteien die gemeinsame Möglichkeit, mithilfe wissenschaftlicher Modellierungen kalkulieren zu können, welche Entscheidungen wann zu welchen Folgen führen würden. Mit Empathie hätten sich die Partei-Politiker durch Kreativität und Innovationen auszeichnen und die Regierungsverantwortlichen unterstützen können. Diese verpasste Chance gehört zu meinen Enttäuschungen.

Daher bin ich der Regierung, den Behörden und dem Gesundheitswesen dankbar, dass sie uns durch diese schwierigen und unberechenbaren Zeiten und die parteipolitischen Stürme führen. Im Hintergrund gibt es viele Menschen, die einfach alles in ihrer Macht stehende tun, um diesen Virus zu bekämpfen. Zudem wurde der medizinischen Forschung ermöglicht, einen Impfstoff zu entwickeln.

Bis wir geimpft werden wird es noch etwas dauern. Hoffen können wir, dass Wärme und Sonne als natürliche Feinde den Coronaviren richtig zusetzt und wir ab Mai eine entspanntere Zeit erleben dürfen.

Die Schweiz wird es kaum schaffen, dass die Bevölkerung bis im Herbst 2021 immunisiert ist. Geblendet vom Sommer und dem Impfversprechen werden wir unvorsichtiger und gleichzeitig unsere Mobilität zurück erzwingen. Der Virus wird im Herbst zurück schlagen. Alles andere wäre verwunderlich.

Corona wird uns in 2022 mehr beschäftigen als uns lieb ist. Die Impfung wird das Risiko für schwere Krankheitsverläufe drastisch senken, die Zahl der Todesfälle durch Covid-19 reduzieren und das Gesundheitssystem entlasten. Eine Normalität stellt dies nicht her, nötig werden langfristige und nachhaltige Massnahmen. Shutdowns oder gar Lockdowns werden hoffentlich nicht mehr dazu gehören. Den Virus auszusitzen hält kein Mensch durch. Der Virus ist stärker. Es braucht Massnahmen, die zu einem niedrigen Infektionsgeschehen führen. Nur dies lässt einen weitgehend sorgenfreien Alltag zu. So könnten sich häufige Schnelltests und Impfausweise zum Contact Tracing hinzufügen. Abstand, Hände waschen und Maske werden nötig bleiben — auch für Geimpfte.  

Vieles zieht sich länger hin, als ich mir es naiverweise erhofft habe.