Corona WebLog #29: Hallo neues Normal

Spät abends kommt ein SMS rein und teilt mir mit, dass ich mein Covid-19 Zertifkat herunterladen kann. Damit erhalte ich mein “Freitheitsbrief”. Ein Freiheitsbrief der mir die Unbeschwertheit zurück gibt, vielleicht sogar eine Eintrittskarte in einen rauschenden Sommer.

Erfüllt von Leichtigkeit schaue ich in die nächste Zeit. Gleichzeitig spüre ich dieses leise Unbehagen, welches seit Beginn der Pandemie zwischendurch hochkommt.  Es lässt mich zögern in das neue normale Leben zurückzukehren, alles was ich mir herbeigesehnt habe fühlt sich seltsam an. 

Eingebrannt haben sich Maske, Distanzhalten und sozialer Rückzug. Und die ewigen unsicheren Fragen wie: Mutationen? Delta? Wann braucht es eine Boost-Impfung? Wie lange wirkt der Impfstoff? Was erwartet uns im Winter?

«Wenn wir jetzt zu ungeduldig sind, setzen wir den Sommer aufs Spiel»

Tanja Stalder, Assistenzprofessorin an der ETH Zürich und Mitglied der wissenschaftlichen Taskforce des Bundes (Interview Tages Anzeiger März 2021)

«Wir könnten mit Fallzahlen von 30’000 Infektionen pro Tag leben»

Forderung Arbeitgeberpräsident Valentin Vogt (Interview Tagesschau SRF News April 2021)

Diese beiden Zitate spiegeln symbolisch für mich die Zerrissenheit der Gesellschaft wider. Doch vielleicht hat die Zerrissenheit gar keine politische oder wissenschaftliche Ursache, sondern es sind nur die Ängste und Bedürfnisse der Menschen. Sicherheit, Gesundheit und Solidarität auf der einen, bedingungslose Befriedigung der eigenen Ansprüche auf der anderen Seite. Hier die ritterliche, besorgte Welt, dort das vereinfachte, eigennützige materialisierte Leben.

Was die grosse Welt zerreisst irritiert mich ebenso im kleinen. Auf der einen Seite meine Vorsicht, auf der anderen Seite mein unbändiger Wunsch alles hinter mich zu lassen und in das „new-normal“ einzutauchen.

Dieses neue Normal bedeutet für mich keine Masken mehr tragen zu müssen, keine langen Schlangen vor den Läden. Keine Online-Bestellungen mehr um später stapelweise Karton zu entsorgen. Dass alle Plexiglas-Scheiben wieder verschwinden. Sich viel weniger Menschen in der Natur aufhalten. Zum neuen Normal gehört für mich das Desinfektionsmittel. Die nachbarschaftliche Nähe, die sich noch verstärkt hat. Die (noch) distanzierteren Begrüssungsrituale.

Und was will ich vom alten Normal zurück? Weniger Homeoffice, weniger Calls und Zooms, dafür echte Meetings (nie geglaubt, dass ich dies einmal vermissen werde). Ein freundliches Stadtleben, unbeschwertes Einkaufen, Ausstellung und kleine, lässige Events. Reisen – einfach auf und davon. Offene Grenzen. 

Kurz ein Leben welches Inspirationen schenkt, mir eine einfache Zufriedenheit gibt, viele Begegnungen mit sich bringt und Dinge wie gutes Essen in schönen Restaurants, coole Bars. Ohne dabei die eigenen Gesundheit und die der anderen zu riskieren.

Während andere das neue Normal schon feiern als wäre es das alte, muss ich das alles wieder lernen und wirklich wollen. Ich bin irgendwie noch nicht ganz bereit, alle alten Gewohnheit aufzunehmen, als sei nie etwas geschehen. 

Erinnere ich mich doch einfach an meine eigenen Zeilen, welche ich nach dem ersten Lockdown hier in meinen WebLog geschrieben hatte:

(Auszug aus meinem Eintrag in den Corona WebLog #9 vom 15.5.2020)

Nehme ich doch die neue Normalität einfach mit einer Art Gottvertrauen, mit meiner Zukunftsgläubigkeit und Gelassenheit an. Und ich versuche wieder den Risiken wie früher mit Augenmass zu begegnen. Denn irgendwann werde ich Sterben, aber jetzt darf ich Leben! Geht uns doch allen so.

Stay well and safe.

P.S. Was mache ich eigentlich mit meinem Maskenvorrat? Oder ist es noch zu früh sich darüber Gedanken zu machen?

„The whole problem with the world is that fools and fanatics are always so certain of themselves, and wiser people so full of doubts.“

— Bertrand Russell, britischer Philosoph, Mathematiker, Religionskritiker und Logiker. (1872 – 1970)

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