Corona WebLog #33: Leben in einer brüchigen Normalität


Corona hat meine Welt in allen Bereichen verändert. Die Massnahmen, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, haben beruflich wie privat bei mir einiges auf den Kopf gestellt. Immer versuche ich, so weit es möglich ist, die Gefahr zu kontrollieren. Dies braucht Kraft und Selbstdisziplin, daher macht sich manchmal schon Resignation breit. Ich erliege dann dem Versuch anstatt mich der Gefahr zu stellen meine Furcht und Angst zu kontrollieren. Spüre den Drang einfach alles auszublenden. Mein innerer Widerstand schwächelt.

Das Gebimmel der Freiheitstychler* weckt mich jeweils wieder auf und macht mir bewusst, dass einem genau diese “Angst-Kontrolle” empfänglich werden lässt für die vielen Botschaften welche den Virus verharmlosen und die Massnahmen zum Gesundheitsschutz der Bevölkerung als überrissen bezeichnen.

Mit meinem „Corona WebLog“ führe ich ein Art „Online-Tagebuch“ in welchem ich meine Beobachtungen und Gefühle in der Corona Krise notiert habe. Zur Politik äussere ich mich hier eher selten, da „Michael’s Beers&Beans“ ein Feel-Good-Blog ist und bleiben soll. Dies heisst aber nicht, dass ich politisch nicht partizipiere. Bisher war ich sehr dankbar in unserer gepflegten Demokratie zu leben. Doch Corona ist ein Brennglas, das Missstände aufzeigt. Missstände, die schon vorher bestanden haben. Daraus ist inzwischen ein unüberhörbarer „Virus-Corona-Impf-Radau“ entstanden, der unsere direkte Demokratie an den Anschlag bringen könnte.

Sinnbild dafür ist die laute, populistische Allianz rund um die Freiheitstrychler. Diese sind überzeugt, dass sie es in der Macht haben uns vor dem Virus zu befreien. Anfänglich euphorisch wird die Gruppierung zunehmend aggressiver. Auf der anderen Seite steht eine resignierende, schweigende “meritokratische” Gesellschaft. Dieser Teil ist enttäuscht über die schleppende Impf-Erfolge sowie die stotternde Rückkehr in die Normalität.

Das Gebimmel der Freiheitstrychler ist in unserem Alltag angekommen. Ich beobachte immer mehr wie deren Gedankengut Familien, Freunde oder Kollegen in meinem direkten Umfeld spaltet. Zudem übertönen die Glocken der Trychler jegliche Zwischentöne und verunmöglichen Diskussionen.

Um die eigene, private Autonomie zu behalten kämpfen die Freiheitstrychler gegen demokratische Spielregeln an. Mit Wut, Hass und Gewalt wird gegen den eigenen Staat und seine Mitbürger und Mitbürgerinnen gekämpft, als wären diese die Verursacher der Corona-Krise.

Viele realisieren, dass wir in einer brüchigen Normalität leben. Aber anstatt gemeinsam die Gefahr zu kontrollieren und zu besiegen, resignieren viele in ihrer Furcht und Angst. Dahinter steht der Wunsch einfach raus aus der Corona und zurück in die alte Normalität. Ignoriert wird, dass uns genau diese Normalität in die Corona-Krise geführt hat.

Das Virus wird vor lauter “Selbstbeschäftigung” vergessen. Dabei ist eines klar, dieses Virus wird im Winter richtig munter. Darauf kann man sich bei Viren, die Atemwegsinfektionen machen, verlassen. Das hängt mit der Immunabwehr zusammen, mit den geschlossenen Räumen, mit den trockenen Schleimhäuten, mit der Bildung von Aerosolen unter bestimmten physikalischen Bedingungen. So hat das SARS-CoV-2 Virus immer noch das Potential unsere Spitäler zu überlasten.

Es kann sein, dass die Allianz der Freiheitstrychler erfolgreich ist und das Covid-19 Gesetz am 28. November 2021 an der Abstimmungsurne abgelehnt wird. Einerseits würden viele finanzielle Härte-Hilfen für die Wirtschaft eingestellt und das Covid-Zertifikat ausser Betrieb genommen. Aber noch einschneidender wäre, dass dann alle Corona-Regeln in der Schweiz fallen müssten.

Die Freiheitstrychler würden mit uns in ein grosses Experiment gehen und bewusst in Kauf nehmen, dass sich das Virus unkontrolliert bei den Kindern und den zahlreichen Ungeimpften verbreiten kann. Ohne Handbremse würden wir dazu noch eine Antwort auf eine zentrale Frage der Freiheitstrychler erhalten: Wie häufig Menschen, die schon geimpft sind, trotzdem schwer erkranken können?

Scheitert dieses Experiment allerdings, würde der Sound der „Freiheits-Glocken“ eine ganz andere Symbolik erhalten.

Auf jeden Fall werden die Glocken der Trychler für mich in Zukunft nicht mehr für eine schöne Tradition unseres Landes stehen.

* Als hätten wir nicht alle schon genug Sorgen, werden wir derzeit mit der Abstimmung über das Covid19-Gesetz in einen politischen Diskurs gezogen. Bekämpft wird dieses Gesetz, welches verschiedene Massnahmen, wie beispielsweise die wirtschaftlichen Härte-Hilfen sowie das Covid-Zertfikat (3G) regeln sollte, sehr erfolgreich von den allgegenwärtigen Freiheitstrychler. Mit ihren Kutten, Fackeln und dem Trychler-Geläute wollen sie das Ende der Pandemie mit aller Macht einläuten. Es ist ihnen gelungen eine unheimliche Allianz zu schmieden. Sie vereinen neben unserer grossen Volkspartei alle Impfskeptiker, Corona-Leugner, Zertifikats-Gegner, Massnahmen-Kritiker von rechts bis links, Vertreter verschiedener Wirtschaftsverbände (z.B. Teile der Gastronomie) unter einem Hut. Erfolgreich auf allen sozialen Kanälen und laut auf der Strasse ist es nicht unwahrscheinlich dass die Trychler es am 28. November 2021 schaffen genügend Stimmen zu vereinen, welche das Covid-Gesetz ablehnen. Damit würden wohl alle Corona-Regeln in der Schweiz fallen, die Pandemie würde politisch als beendet erklärt werden müssen. 

In einer Umfrage einer grossen Schweizer Tageszeitung hat die Zustimmung zum Gesetz von 63 auf 69 Prozent zugenommen (3.11.21). Die grosse Frage wird allerdings sein, wie viele der Befürworter den Weg an die Abstimmungsurne finden.