Nancy – Kuchen, Bonbons, Kekse und Mirabellen

Über Lothringens Herzog Stanislaus, der als Baumeister und Kunstförderer ein eindrückliches Erbe hinterliess, habe ich hier schon berichtet. Doch dies war nicht alles. Unterwegs in Nancy, der Hauptstadt von Lothringen, fällt einem sofort das unglaubliche Angebot an Kuchen, Bonbons und Kekse ins Auge. Und wer steckt hinter dieser Vielfalt, hinter diesen erfindungsreichen Bäckersleute der Stadt? Wieder stolpere ich über “le Bon Roi Stanislas”, den guten König Stanislaus I. Leszczyński.

Bonjour de Nancy

Stanislaus blickte auf ein abenteuerliches Leben zurück. So wurde er zwei Mal zum König Polens gekrönt, beide Male vom Thorn gestossen, ausser Landes gejagt und schliesslich, durch die Heirat seiner Tochter mit dem König Ludwig XV., im Jahre 1737 zum Herzog Lothringens gekürt.

Seine Naschsucht führte dazu, dass Lothringen wie kaum eine andere Region in Frankreich bis heute berühmt ist für traditionelle Süssigkeiten und Kekse und immer noch reihenweise Gourmets anlockt.

Am Anfang stand ein Stück sehr trockener Hefekuchen. Dieser tränkte der Herzog eher aus Verzweiflung kurzum mit Süsswein. Die Kreation war gelungen, der Baba geboren. Im 19. Jahrhundert wurde dann der Baba mit Rumsirup statt mit Wein begossen, daraus wurde der berühmte Baba au rhum, heute in ganz Frankreich begehrt.

Der Herzog hatte eigene Hofzuckerbäcker. Einer davon hinterliess der Nachwelt sogar ein Standardwerk der französischen Kochliteratur. Darin beschreibt dieser zum Beispiel meterhohe Tischdekorationen aus Zuckermasse, ganz nach dem Geschmack des lothringischen Herzogs. Klar, diese Spezialitäten finden sich heute in Nancy nicht mehr. Dafür hatte der Herzog aber bei den berühmten Macarons seine Hände im Spiel. Er brachte das Rezept dieser Kekse nach Nancy mit. Und so wurden die Macarons de Nancy – anfänglich von ehemaligen Nonnen gebacken – zum Wahrzeichen der Stadt. Auch heute noch werden diese überall angeboten.

Statue von König Stanislaus I. Leszczyński – noch heute weht der süssliche Duft aus der Rue des Sœurs Macarons zu ihm herüber.

Die Zuckerbäcker mussten sich wohl einiges einfallen lassen, um den rundlichen Herzog bei Laune zu halten. So entdeckten diese das Bergamotteöl und aromatisierten Bonbons damit. Genau das richtige für den wohl zuckersüchtigen Monarchen. Diese Bonbons gibt es heute noch. Der schönste Ort, wo es die Bergamottes de Nancy zu kaufen gibt, ist die Confiserie Lefèvre-Lemoine in der Rue Henri-Poincaré 47. Die rotgoldenen Bergamotte-Dosen der Confiserie sind berühmt und ein schönes Souvenir.

Mit meiner „Stanislaus-Süssigkeiten-Tour“ bin ich nicht am Ende. Heute gibt es in Nancy noch einige Betriebe, welche Madeleins backen, kleine goldbraune Küchlein. Nachdem wohl einer seiner Zuckerbäcker im Streit das Handtuch geworfen hatte, drohte das Mittagsessen des Herzogs ohne Dessert zu enden! Zum Glück erinnerte sich eine der Küchenmägde an ein Rezept ihrer Grossmutter und servierte dem Herzog fein duftende Küchlein. Dieser war begeistert und taufte das Gebäck kurzerhand nach der Magd: Madeleine!

Mit den Mirabellen, Lohtringens Superfrucht, hat der Herzog nicht mehr viel zu tun. Die Mirabelle ist die lothringische Spezialität schlechthin. Es gibt kaum ein Ort, in welche diese nicht angeboten werden. Frisch auf dem Markt, als Kuchen, Schnaps oder Likör. Mirabelle de Lorraine ist in Frankreich eine geschützte Herkunftsbezeichung (IGP). Mein Favorit ist die klassische Tarte aux Mirabelles – frische Mirabellenhälften, gebettet auf Mürbeteig und einer fluffigen Vanillecreme.
Bekannt ist die Gâteau Lorrain, ein Kuchen mit einem Schuss Mirabellengeist. Für einmal nicht eine Erfindung des naschsüchtigen Monarchen. Aber Stanislaus’ I. Leszczyńskis hätte sich darüber sicherlich gefreut.

Habe ich noch etwas vergessen? Klar, die Lothringer Specktorte! Die Quiche lorraine ist weit über Lothringen bekannt. In der Schweiz wird kuchenartiges Gebäck, welches nicht süss ist, meistens als Quiche lorraine bezeichnet. So ganz falsch ist dies nicht, denn ursprünglich wurde die Quiche statt aus Mürbeteig in einem Brotteig gebacken. In Lothringen war die Quiche lorraine ein typisches Montagsessen, weil man im Belag sehr gut die Fleisch- oder Gemüsereste vom Sonntag unterbringen konnte.

Am 23. Februar 1766 starb der König der Herzen und grosser Wohltäter für Nancy an den Folgen seiner Brandwunden. Kurz vorher war der alte Herr, fast blind, 88-jährig und Pfeife rauchend, nach reichlichem Mahl in seinem Schloss Luneville vom Stuhl direkt in den Kamin gefallen. 

Und noch ein Tipp!

Nancy gilt mit mehr als 350 Gebäuden im französischen Jugendstil als Zentrum der Belle Epoque. Das Musée de l’École de Nancy (36-38 Rue du Sergent-Blandan) zeigt erhaltene Innenarchitektur und Kunsthandwerk der Epoche.