See-Momente: Die graue Stille
Es ist ein physikalischer Vorgang. Warme Luft kühlt ab, Wasserdampf kondensiert. Eine Wolke, die den Boden berührt. Wir nennen es Nebel.
Hier am Bodensee ist dies der Normalzustand des Winters. Wir verbringen Wochen in diesem Zustand. Es ist eine Welt ohne Schatten, ohne Tiefe. Für viele ist dieses Grau unerträglich. Es legt sich auf das Gemüt wie eine schwere, feuchte Decke. Manche nennen es saisonale Depression, aber dieser Begriff ist zu sachlich für das, was es wirklich bedeutet: Die Welt verliert ihre Farbe, ihr Echo.
Doch so schwer dieses Grau auch wiegt – es bleibt ein Hauch. Wie der Nebel selbst ist unser graues Gefühl einfach ein Übergang. Ihre Wahrnehmung ist keine Zwangsläufigkeit. Es ist eine Frage des Standpunkts und eine Frage der Zeit, bis das Licht der Sonne und das Blau des Himmels das Grau heilsam verblassen lassen. Nichts an diesem Zustand ist für die Ewigkeit bestimmt.

Das grausam schöne Grau
Nebel ist nicht die Abwesenheit von Licht. Er ist eine Form der Reduktion. Er nimmt uns die Sicht in die Ferne, um uns auf das Nahe zu stossen. Er zwingt uns zur Konzentration.
Es gibt Momente am See, in denen der Nebel grausam schön ist. Er entzieht der Welt den Lärm. Er fängt das restliche Licht auf eine Weise ein, die unwirklich wirkt. Wer hoch in das Appenzellerland steigt, sieht das weisse Meer von oben. Es ist eine glatte, unschuldige Fläche. Sie verbirgt das Elend des grauen Breis, der darunter liegt. Dort oben ist die Freiheit der Sicht. Dort unten herrscht die Suppe.

Die dunkle Seite der Wolke
Nebel ist meistens harmlos. Doch er kann sich verbünden. Wenn er sich mit dem Schmutz der Zivilisation mischt, verliert er seine Unschuld.
Im Dezember 1952 legte sich der Nebel über London. Fünf Tage lang blieb die Zeit stehen. Schwefelhaltige Kohle aus den Kaminen verband sich mit der Feuchtigkeit. Es entstand ein Hybrid, den wir heute Smog nennen – eine Koppelung aus Smoke und Fog. Er war nicht mystisch. Er war giftig.

Die schwindende Grenze
Meteo Schweiz hat eine Erkenntnis veröffentlicht: Der Nebel verschwindet langsam. Seit vierzig Jahren nimmt die Zahl der Nebeltage ab. Die Luft ist sauberer geworden. Es fehlen die Partikel, an denen sich die Feuchtigkeit festhalten kann. Die Welt wird klarer, schärfer, durchleuchteter.
Das Schweizer Mittelland – vom Bodensee bis zum Genfersee – bleibt dennoch eine der nebelreichsten Regionen Europas. Wir leben weiterhin in einer Zone der Unschärfe.
Man kann das bedauern. Ich gehöre zu denen, die es mögen, also wenigstens manchmal. Wenn die Welt entrückt, wenn die Konturen verschwimmen, bleibt nur das Wesentliche übrig. Nebel ist am Ende nur Wasser und Luft. Aber für einen Augenblick ist er die Grenze zwischen der Wirklichkeit und dem, was wir hinter dem Grau vermuten.


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