Dekompression – Protokoll einer Teilpensionierung
Vierzig Jahre sind eine lange Zeit. Ich habe gearbeitet. Sieben Tage die Woche. Einhundertzwanzig Prozent. Erfolg hat einen Preis, und man zahlt ihn meistens erst später. In der Währung des eigenen Körpers.
Ich dachte, ich könne mich umprogrammieren. Ein simpler Schalter im Kopf. Von Volllast auf die Hälfte. Ich irrte mich. Man kann Erfolg nicht einfach abschalten.
Das Gehirn versteht die Logik der Entlastung. Es sieht das junge Team, das übernimmt. Die Verträge sind unterschrieben. Die Anteile verkauft. Die Verantwortung ist delegiert. Es hat alles seine Ordnung.
Der Körper kennt keine Pläne. Er unterscheidet nicht zwischen gestern und heute. Er kennt nur das Gesetz des Adrenalins. Er ist eine eigene, unbestechliche Instanz.
Wenn ein Problem auftaucht, das mich nichts mehr angeht, bleibt mein Verstand ruhig. Ich beobachte es sachlich. Aber mein System reagiert anders. Der Puls steigt. Die alte Unruhe kehrt zurück. Der „Notfall-Modus“ ist ein Reflex geworden, tief in die Nervenbahnen eingebrannt. Er lässt sich nicht einfach kündigen.
Dekompressionsphase
Man nennt das Dekompression. Ein Taucher, der zu schnell aufsteigt, riskiert sein Leben. Das Blut schäumt auf. In der Arbeitswelt ist es ähnlich. Wer vier Jahrzehnte unter Hochdruck stand, darf nicht zu schnell an die Oberfläche. Das ist kein psychologisches Problem. Es ist Physik.
Der Körper meldet sich jetzt zu Wort. Er schickt Kopfschmerzen und eine bleierne Müdigkeit. Er fordert die Steuern ein, die ich jahrelang hinterzogen habe. Der Arzt sagt, alles sei in Ordnung. Das ist die medizinische Sicht. Die biologische Wahrheit ist: Die Maschine läuft nach, obwohl der Zündschlüssel gezogen ist.
Im August fahre ich nach Island. Drei Monate. Mit unserem Reisemobil. Es ist ein Experiment. Remote Work. Nur noch Hintergrund. Nur noch Unterstützung.
Ich werde in die Leere der Lavafelder schauen. Ich werde warten, bis der Takt der Maschine in mir endlich langsamer wird. Ich habe gelernt, dass man Disziplin nicht nur für die Arbeit braucht. Man braucht sie auch, um das eigene Ich auszuhalten.
Es wird ein Jahr dauern, vielleicht länger. Ich gebe mir diese Zeit. Ich bin auf dem Weg.
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