Meine See-Momente: Frühling am See
Der Winter gibt nicht auf. Er führt ein letztes Gefecht am Horizont, hinter den Alpen. Die Gipfel bleiben weiss. Der Wind am Ufer ist bitter. Aber das Licht hat sich verändert. Es ist härter, klarer, unbestechlich. Unter dem braunen Laub des Vorjahres geschieht das Unabwendbare. Krokusse durchbrechen die Erde. Lila. Gelb. Weiss. Sie sind klein, aber sie sind stärker als der Frost. Der Nebel löst sich auf. Das Blau des Himmels kehrt zurück. Mit ihm die Weite des Sees.
Die Kälte sitzt noch in den Knochen. Man vergisst sie nicht sofort. Die Sonne steigt, der Einfallswinkel der Strahlen ändert sich. Die Thermik erwacht. Erste Segel auf dem Wasser, weit draussen. Weisse Punkte gegen ein massives Blau. Man muss den Winter innerlich ablegen. Es ist ein aktiver Vorgang. Die Obstblüte am Untersee beginnt. Millionen Knospen brechen gleichzeitig auf. Eine Explosion in Zeitlupe. Das Leben kehrt in die Gassen von Konstanz zurück. Nicht laut. Aber stetig.
Ich sitze auf einer Kaimauer am Seerhein. Der Stein ist noch kalt. Die Sonne im Gesicht ist flüchtig, aber sie ist eine Tatsache. Ich schliesse die Augen. Die Kälte ist nur noch eine Erinnerung an gestern. Ich spüre das eigene Dasein deutlicher. Es ist die Belohnung für das Ausharren. Der Moment, in dem die Welt wieder weit wird.
Hermann Hesse, der hier am See lebte, schrieb:
„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“Hermann Hesse, „Stufen“, 1941

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