Die Göttin und die Magie Connemaras

Nebel waberte feucht und kalt durch das Tal, als sich die ersten Sonnenstrahlen tapfer ihren Weg durch die dichte Wolkendecke bahnten und die Landschaft in ein unwirkliches Licht tauchten. Moosbedeckte Steine säumten den schmalen Pfad, der sich durch die Heidelandschaft schlängelte. Plötzlich durchbrach ein Sonnenstrahl die Wolken und beleuchtete einen kleinen See. Kristallklares Wasser spiegelte den Himmel wider, während winzige Fische in der Tiefe tanzten.

Eine schlanke, in ein langes, weisses Gewand gehüllte Frau stand am Ufer. Ohne zu überlegen folgte ich dem Pfad, der mich zu ihr brachte.

„Hallo“, sagte sie mit sanfter Stimme. „Ich habe auf dich gewartet.“ Die Frau, von atemberaubender Schönheit, das weisse, taillierte Kleid fiel ihr von den Schultern bis zu den Knöcheln. Mit ihrem langen, flammend roten Haar, das im Sonnenstrahl wie Feuer zu leuchten schien, und ihrer anmutigen, kraftvollen Erscheinung ergriff sie meine Ehrfurcht. Intuitiv erkannte ich sofort, dass es Brigit, die Göttin des Feuers, der Heilung und der Poesie, war – eine der wichtigsten Göttinnen in der irischen Mythologie.

Sie lächelte und zeigte auf den See, bevor sie sich auf einen Findling setzte. Die Zeit schien still zu stehen, als ich die mystische Schönheit der Landschaft aufnahm. In diesem Moment fühlte ich mich eins mit der Natur, ein Teil dieser magischen Welt.

„Setz dich hier zu mir und höre, was ich zu sagen habe.“

Brigid erzählte von der Geschichte Connemaras, den alten Legenden und Mythen, von Feen und Kobolden, die in den Wäldern und Bergen lebten. Fasziniert lauschte ich, wie sie weitererzählte: „In den Twelve Bens, der Bergkette hier in Connemara, vereinen sich Sagen und Legenden zu einem faszinierenden Geflecht der Mystik. Der legendäre Fionn mac Cumhaill erschütterte mit seinen übermenschlichen Kräften die Berge im Donegal und formte daraus die Twelve Bens. Dann verliebte er sich in Gráinne, die Tochter eines Fianna-Kriegers. Gráinne war eine der schönsten Frauen Irlands, mit langem goldenem Haar, strahlenden Augen und makelloser Haut. Sie war schlank, anmutig. Sie verliebte sich aber in Diarmuid. Zusammen bildeten sie bald ein unzertrennliches Paar. Fionn, erbost über die Beziehung, verfolgte die beiden, sodass sie vor ihm fliehen mussten. Ihr Mut und ihre Liebe führten sie durch die wilden Wälder Irlands, immer die Krieger von Fionn an ihren Fersen.
Doch als ein starker Eber Diarmuid verwundete, stand ihre Liebe vor der grössten Prüfung. Gráinne bat Fionn um Hilfe für ihren geliebten Mann, doch dessen Herz blieb hart. Diarmuid wurde trotzdem wieder gesund. Fionn verfolgte das junge Paar erbarmungslos weiter durch die Berge. Dort kam es zu einem erbitterten Zweikampf zwischen Fionn und Diarmuid, der ihn schliesslich erschlug. Diarmuid und Gráinne liessen sich danach in den Twelve Bens nieder, wo sie glücklich mit ihren Kindern lebten“.

Brigits Stimme war sanft und melodisch, eine tiefe Ruhe und Geborgenheit strömte von ihr aus: „Es ist eine fröhliche, aber auch traurige Geschichte, aber sie zeigt uns, dass wahre Liebe und Freiheit untrennbar miteinander verbunden sind. Indem man seinem Herzen folgt, für die Liebe kämpft und bereit ist, Opfer zu bringen, kann man mutig Risiken eingehen und Abenteuerreisen unternehmen. Schlägt schmerzlich das Schicksal zu muss man es mit der Zeit akzeptieren. Am Ende führt auch dann Vergebung zu Frieden und die Perspektive zum Glück.“

Mit ihren strahlend blauen Augen, die wie der Himmel an einem klaren Tag leuchteten, schaute sie mich lange an, bevor sie mir einen kleinen unscheinbaren Stein schenkte.

„Du kannst dir nicht immer aussuchen, was in deinem Leben passiert, aber du kannst entscheiden, wie du darauf reagierst. Gestalte dein Leben aktiv und mit Dankbarkeit, denn das Glück liegt in deiner Verantwortung. Dieser Stein soll dich an deine Reise und meine Worte erinnern“, sagte sie. „Er ist nur ein kalter Stein, aber wähle einen anderen Blickwinkel, und er wird sich verändern, genauso wie dein Blickwinkel dein Glück bestimmt.“

Die Göttin und die Magie Connemaras

Sie drückte meine Hände, lächelte sanft und verabschiedete sich. Dann stieg sie den Pfad vom Ufer hoch und schien sich in einen kurzen Leuchten in einer Nebelschwade aufzulösen. In all der Zeit hatte ich kein Wort gesprochen, so überwältigt war ich von der Göttin.

Nur ein leises Bachrauschen war zu hören, das aus der Ferne kam. Das Bergmassiv der Twelve Bens ragte empor, dessen Gipfel in den Wolken verschwand. Hier, inmitten dieser unberührten Natur, spürte ich noch immer die Gegenwart einer unsichtbaren Kraft.

Auf dem Rückweg trug ich meinen Stein des Wandels mit seiner Kraft der Perspektive bei mir. Die Worte von Brigit dagegen würden für immer in meinem Herzen bleiben. Erstaunt darüber, dass ich es zugelassen hatte, diese Erscheinung zu sehen und ihr zuzuhören, und dankbar, dass die intelligente, mutige und unabhängige Göttin mich mit Respekt behandelt hatte.

Mein Blickwinkel bestimmt mein Glück.

Die Göttin und die Magie Connemaras

Nachtrag zu dieser Kurzgeschichte „Die Göttin und die Magie Connemaras“

Die ersten beiden Bilder habe ich 2023 in Connemara bei einer Wanderung vor Ort geschossen. Aufgrund dieser Bilder, als Referenzbilder, ist das letzte Bild mit der Frau im weissen Kleid mittels KI entstanden.

In Connemara finden sich zahlreiche Mythen und Legenden. Eine besonders bekannte Erzählung handelt von dem „Pooka“, einem neckischen Geist, der sich in verschiedenen Gestalten manifestiert, oft als Pferd oder Ziege. Der Pooka geniesst es, Menschen zu erschrecken und Streiche zu spielen, doch er kann auch von Nutzen sein.

Eine weitere Sage handelt von der „Mutter der Seen“, einer zauberhaften Frau, die angeblich in einem der tiefsten Seen Connemaras lebt. Sie wird als Beschützerin der Gewässer angesehen und soll in der Lage sein, Stürme und Überflutungen herbeizuführen, wenn es notwendig ist.

Die „Twelve Bens“, die markante Bergkette Connemaras, sind ebenfalls von Legenden umwoben. Diarmuid und Gráinne liessen sich in den Twelve Bens nieder, wo sie glücklich mit ihren Kindern lebten. Auch Grace O’Malley, eine irische Piratin, Anführerin und Adlige des 16. Jahrhunderts soll zeitweise dort Schutz gesucht haben.

Auch die Aran Islands vor der Küste Connemaras sind Schauplatz vieler Geschichten. Eine der bekanntesten erzählt von einem Riesen, der die Inseln angeblich mit blosser Hand aus dem Meer hob.

Brigit – Göttin des Feuers, der Heilung und der Poesie

Brigit, der Göttin, der ich in meiner Kurzgeschichte begegnet bin, ist auch bekannt als Brigid oder Bríd. Sie ist eine der bedeutendsten Göttinnen in der irischen Mythologie und wird als die Göttin des Feuers, der Heilung und der Poesie verehrt.

In Connemara gibt es zahlreiche Orte, die mit Brigit in Verbindung gebracht werden. Der heilige Brunnen von Toberbride in der Nähe von Oughterard wird für seine heilenden Kräfte verehrt. Die Ruinen der Klosterkirche von Kilbride in der Nähe von Clifden waren einst ein bedeutendes Pilgerzentrum für Brigit-Anhänger. Der Berg Slieve Aughty im County Galway gilt als Brigits heiliger Berg.

Brigit wird häufig als junge Frau mit flammendem Haar und einem Umhang aus rotem Leinen dargestellt. Sie trägt oft eine Fackel oder ein Feuerrad, Symbole ihres Feuers.

Brigid’s Feast Day (Lá Fhéile Bríde): In Connemara wird Brigit am 1. Februar gefeiert, dem Festtag von Imbolc, einem Frühlingsfest, das die erste Milch der Schafe und den Beginn des Frühlings feiert. An diesem Tag werden in Connemara viele Bräuche und Rituale zu Ehren von Brigit durchgeführt, darunter das Entzünden von Brigit-Feuern, das Backen von Brigit-Kuchen und die Herstellung von Brigit-Kreuzen.

Brigit ist eine wichtige Figur in der irischen Kultur und Geschichte, die die Kraft der Frauen, die Fruchtbarkeit und die Erneuerung symbolisiert. In Connemara wird Brigit weiterhin als lebendige Gottheit verehrt, und die Menschen suchen ihre Hilfe und Schutz.

Das Comeback der Brigit

Seit vergangenem  Jahr gibt es in Irland Anfang Februar einen zusätzlichen Feiertag. Gefeiert werden der Tag von Imbolc, die alte keltische Göttin Brigit und die christliche Heilige Brigid. Der freie Tag wird immer am ersten Montag im Februar begangen, es sei denn, der 1. Februar fällt auf einen Freitag; in diesem Fall wird er an diesem Tag begangen. Dies ist der erste irische Feiertag, der nach einer Frau benannt ist. Während die Göttin Brigit immer mit Imbolc und dem ersten Tag im Februar verbunden ist, fiel der neue Brigid’s Feiertag in diesem Jahr auf den Montag, den 5. Februar.


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