Oper Zürich: Das Mass der Endlichkeit
Michael’s Reisenotizen
The Brew
Zürich. Fünfzig Minuten Bahnfahrt trennen den Wohnort am Bodensee von der Metropole. Eine Übernachtung wirkt beinahe exzentrisch, doch Nähe ist kein Ersatz für Distanz. Wir beziehen Quartier im Hotel Kindli an der Pfalzgasse. Es ist eine Zürcher Institution. Ein Haus von diskreter Tradition, reduziert auf das Wesentliche. Die Atmosphäre ist gesetzt. Wir sind hier, um ein Versprechen einzulösen: Freunden die Oper näherzubringen.
The Grit
Der Tag teilt sich in zwei Welten. Er beginnt am Nachmittag hinter der Bühne, auf der Bühne und tief darunter. Unser Führer durch die Bühnentechnik ist ein Veteran. Achtunddreissig Dienstjahre. Ohrringe, Zürcher Dialekt, die Hände eines Arbeiters. Ein „Kader-Blueworker“, ein Künzli des Betriebs.
Er führt uns hinter die Kulissen, bevor die erste Note erklingt. Die Zahlen sind nüchtern: Dreissig Meter Schnürboden. Obermaschinerie, Züge, Prospekte. Darunter die Kellerwelt der Versenkungen und Podien. Ein logistischer Kraftakt, ein Rangierbahnhof der Ästhetik. Künzli spricht mit zwinglianischem Humor von Sicherheitsvorhängen und Wagenremisen. Wir begreifen: Der Applaus gilt später den Sängern und Sängerinnen, TänzerInnen, MusikerInnen und dem Dirigent . Die Männer und Frauen im Schatten, die diese Welten erst bewegen, bleiben unsichtbar. Es ist ein harter Dienst ohne Ruhm.
The Note
Abends die Verwandlung. Rückzug ins Kindli, dann in eleganter Kleidung zurück. Für unsere Freunde haben wir eine eigene Loge reserviert. Ein Moment der Privilegierung. Dann öffnet sich der Vorhang für Giuseppe Verdis Messa da Requiem. Christian Spuck inszeniert es als Ballett.
Es gibt keine religiöse Tröstung. Die Bühne ist ein düsterer Raum, anthrazit marmoriert, aschebedeckt. Der Mensch ist hier radikal auf sich zurückgeworfen. Die Tänzer kleben an den Wänden, ein Bild der Ausweglosigkeit. Wenn der Chor das Dies irae schmettert, bricht die Urgewalt hervor. Der Danseur Étoile windet sich aschebeschmiert als Kreatur am Boden. Es ist physisch, es ist schmerzhaft. Am Ende senkt sich die Bühnendecke wie ein Sargdeckel über das Ensemble. Keine Erlösung. Nur die nackte Existenz.
Wir verlassen das Haus schweigend. In der Bar „Old Crow“ finden wir in die Nacht zurück. Die Freunde sind verwandelt. Die Oper ist kein Zeitvertreib. Sie ist eine Bestandsaufnahme des Seins.






Entdecke mehr von
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

