Die Falle des „Noch“

Warum das Wort „noch“ eine dunkle Erwartung in sich birgt und meine Denkweise beeinflusst. Die Falle des Wortes "noch".

Ein Protokoll der Teilpensionierung

Ich ertappe mich in letzter Zeit oft bei einem bestimmten Wort. Ich sage: Ich kann noch reisen. Ich fahre noch Ski. Ich stehe noch auf dem Stand-up-Paddle-Board. Es klingt harmlos, fast wie eine leise Dankbarkeit. Doch das ist ein Irrtum. In diesem kleinen Wort schwingt eine dunkle Erwartung mit. Wer „noch“ sagt, verwaltet bereits den kommenden Mangel. Er baut im Kopf eine Guillotine auf und wartet darauf, dass das Beil fällt.

Die programmierte Abwärtsspirale

Natürlich verbucht das Alter Verluste. Einige Dinge gehen mit Ende fünfzig schwerer als mit Ende vierzig. Mit achtzig wird manches unmöglich sein. Doch das „Noch“ macht daraus ein unumstössliches Naturgesetz. Es programmiert den Geist auf Rückzug. Vor einigen Jahren ertappte ich mich dabei, wie ich mir detailliert ausmalte, was ich mit sechzig alles nicht mehr können würde. Es war eine Bilanzierung des Verfalls, lange vor dem Stichtag.

Manchmal nervt mich dieser Griesgram in meinem Kopf. Er blickt auf mein Leben wie ein Buchhalter auf ein schrumpfendes Kapital. Wenn ich ihm erzähle, dass ich heute beim Wandern schneller bin als früher, dass mich das Skifahren weniger anstrengt und mir auf dem Wasser nicht mehr die Puste ausgeht, raunt er sofort: „Geniesse es. Jetzt geht es noch. Aber du wirst schon sehen.“

Das Kapital der späten Freiheit

Dabei ist die Realität eine völlig andere. Ich erlebe das Älterwerden nicht als Abwärtsspirale. Ich empfinde es als angenehm, als Entlastung. Der Grund ist einfach: Ich habe endlich das, was mir früher fehlte – Zeit. Zeit für regelmässige Bewegung, für bewusste Ernährung, für soziale Kontakte und geistige Betätigung. Die Fitness, die ich heute erlebe, ist kein Zufall und kein temporäres Glück. Sie ist das Resultat einer neuen Prioritätensetzung. Sogar die Denkleistung kann im Alter steigen, wenn man sie fordert.

Das Alter ist kein reiner Substanzverlust. Es ist auch eine Verschiebung der Ressourcen.

„Noch“ wird gestrichen

Ich habe mir vorgenommen, mein Vokabular zu revidieren. Ich will das Wort „noch“ streichen, wenn es um meine Fähigkeiten geht. Es verengt den Horizont. Ich will mich beim Sport nicht mehr fragen, wie lange das noch gutgeht, sondern ich will versuchen, mich daran zu freuen, vielleicht sogar besser zu werden.

Und wenn das Schwimmen oder das Skifahren irgendwann tatsächlich nicht mehr geht? Dann werde ich nicht mit dem Schicksal hadern. Ich werde einfach die Bewegungsart wechseln. Jede neue Herausforderung ist ein Gewinn – vor allem für den Kopf.


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