Bodensee Reisenotizen: Der Traum von der Insel Reichenau – Campus Galli 2026
The Brew
Der Wald schluckt das Geräusch der Strasse. Ein Pfad ins Dickicht. Am Ende liegt die mittelalterliche Baustelle des Campus Galli.
Man kehrt hierher zurück, um der Zeit beim Vergehen zuzusehen. Ein unzeitgemässes Projekt. Die Erforschung der Vergangenheit mit den Händen. Grundlage ist der St. Galler Klosterplan. Er wurde im frühen 9. Jahrhundert auf der Insel Reichenau gezeichnet, wenige Kilometer von hier. Rote Linien auf Pergament. Es war eine Blaupause für die perfekte Ordnung der Welt. Gebaut wurde sie damals nie. Sie war ein Gedanke.

Hier wird der Entwurf Realität. Irgendwie ist es Grössenwahn. Dabei ist es eher eine präzise Beharrlichkeit. Die Reichenau war ein europäisches Zentrum des Geistes, umgeben von Wasser. Messkirch ist schwerer Boden. Ob die Klosterstadt je fertig wird, bleibt unerheblich. Der Übergang zählt. Das Holz weicht jetzt dem Stein. Pergament ist geduldig; der Kalk der Alb ist es nicht.
Der Marktplatz bietet einfachen Schutz. Linseneintopf, grobe Wurst, warmes Dennetle aus dem Holzofen. Der Met schmeckt nach schwerem Honig. Inzwischen gibt es Kaffee. Das Koffein kam Jahrhunderte später.
Hinter geflochtenen Weiden liegt der Kräutergarten. Eine Apotheke aus der Erde, exakt so im Reichenauer Plan verzeichnet. Jedes Beet folgt der alten Ordnung. Salbei, Thymian, bittere Wurzeln. Pflanzen, die Schmerz lindern, wenn es sonst nichts gibt.
The Grit
Der Regen kam am Vormittag. Ein schwerer, kalter Sommerregen, der die Gruben füllte. Der Boden wurde zu Schlamm.
Unter den Vordächern lief die Arbeit weiter. Die Handwerker trotzen dem Wetter. Sind mit uns im Gespräch vertieft. In einer Hütte steht eine Goldschmiedin. Sie bricht aus ihrer Routine aus. Sie sucht das Grobe. Ihr Ziel ist der mittelalterliche Guss von Bronze und Messing. Sie nutzt Formen aus Bienenwachs, verkleidet mit Lehm und Pferdemist. Der erste Brand war nur ein Teilerfolg. Das Metall floss nicht überall hin. Sie flucht nicht. Sie analysiert den Fehler. Das ist die Härte dieses Ortes: Versuch und Irrtum.
The Note
Die Schwäbische Alb ist hier einsam. Das Nirgendwo bildet die Kulisse für ein Ideal, das einst im Skriptorium auf den Insel Reichenau gezeichnet wurde. Die Handwerker von heute übersetzen den Idealismus der alten Mönche in die Materie. Oft ist es ein Verzweifeln. Zwischen den klaren Linien des Plans und der Ausführung liegt das Unwissen von tausend verlorenen Jahren. Jedes Detail muss neu erlernt werden.
Der Fortschritt ist sichtbar, aber er verlangt Geduld. Die Zeit des Holzes ist vorbei. Seit 2022 wächst das Nebengebäude des Abtshofes. Siebzehn Meter lang. Küche, Badstube, Schlafräume. Es ist der erste Steinbau. Die Männer brauchten Jahre, um den historischen Kalkmörtel so zu mischen, dass er der modernen deutschen Bauordnung standhält. Der Bürokratieakt trifft ins Frühmittelalter.
Daneben Kleinigkeiten: Ein achteckiges Hühnerhaus auf Pfählen seit 2023. Das Necessarium, die Latrine, gedeckt mit Holzschindeln im Jahr darauf.
Die zukünftige Kathedrale existiert noch nicht. Eine Totholzhecke markiert ihre Dimension auf dem Boden. Ein gigantischer Schatten aus Gestrüpp. Am Novizenhaus haben sie im letzten Jahr das Gelände eingemessen. Sie nutzten eine Groma, ein Visierkreuz aus der Antike. Rechtwinkligkeit durch Schnüre und Blei.
Es bleibt ein Jahrhundertprojekt. Wenn man die Geschwindigkeit der letzten vier Jahre hochrechnet, werden die Glocken der Abtei vermutlich pünktlich zum nächsten Jahrtausendwechsel läuten. Ein beruhigender Gedanke in einer schnellen Welt. Ich komme wieder, um den Baufortschritt zu begutachten. Im nächsten Jahr.
The Picturebook








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