Engadin – Reisenotizen #01: Wo ist eigentlich das Heidiland?
The Brew
Die Alpen sind unübersichtlich geworden. Niemand weiss mehr genau, wo die Geschichten von Heidi und dem Alpöhi stattfanden. Fiktion und Geografie verschwimmen.
Wanderung von Maloja nach Sils. Oberhalb des Silsersees liegen die Maiensäss-Siedlungen Blaunca und Grevasalvas. Ein Anschlag an einem Haus, gedruckt auf weisses Papier. Im Juli kommt ein Filmteam. Siebzig Personen für eine neue Heidi-Verfilmung.
Eigentlich hiess es, die Aufnahmen entstünden weiter unten im Bergell, in Soglio und Casaccia. Doch für Filmemacher ist das Bergell offenbar bis ins Engadin dehnbar. RTL und SRF investieren in eine Grossproduktion. Christian Kohlund spielt den Alpöhi, Heike Makatsch das Fräulein Rottenmeier. Die Titelrolle geht an Neah Hefti. Es ist nicht die erste Inszenierung hier oben. Bereits 1978 drehte man in Grevasalvas. Die letzte grosse Verfilmung liegt elf Jahre zurück, damals mit Bruno Ganz. Man drehte sie im Rheinwald und im Albulatal, auf der Alpennordseite. Der Mythos wird verlässlich bewirtschaftet.
The Grit
Der Abstieg vom Höhenweg zu den beiden Maiensäss-Siedlungen Blaunca und Grevasalvas ist von beunruhigender Schönheit. Die Häuser liegen da wie ein vergessenes Bild. Man wartet auf das Mädchen aus dem Buch. Es wäre nicht überraschend.
Noch ist es ruhig. Das Wetter ist gut, die Wege sind fast leer. Ein Privileg auf Zeit. Der Film soll 2027 in die Kinos kommen. Wenn er Erfolg hat, wird die Idylle enden. Erst kommen die Location-Scouts, dann die Influencer. Die Bilder werden digital seziert und verteilt. Am Ende folgt der Massentourismus auf der Suche nach dem perfekten Kulissen-Selfie.
Der einzige Schutz ist der Aufstieg. Man muss hierher laufen. Aber der moderne Reisende scheut für ein Foto keine Anstrengung. Es ist eine seltsame Aussicht auf die Zukunft dieser Landschaft.
The Note
Der Weg beginnt in Maloja. Etwas oberhalb, am Pass Lunghin, liegt die dreifache Wasserscheide. Hier entspringt der Inn. Achthundert Gletscher speisen ihn auf seinem Weg zur Donau.
Der Pfad führt vorbei an den Gletschertöpfen des Pro Natura Schutzgebiets. Es riecht nach Bergföhren und feuchtem Hochmoor. Dann der Aufstieg nach Blaunca. Von der Siedlung geht der Blick weit über den Silsersee zum Piz Corvatsch. Eine Schotterstrasse verbindet die Weiler. Grevasalvas liegt auf einer Terrasse im Licht.
Der Weg bleibt hoch über dem Wasser. Er quert dünne Bäche, läuft an Felswänden vorbei, durch lichte Lärchenwälder. Am Nachmittag kommt Sils Maria in den Blick. Das Dorf liegt schwer zwischen den Seen, am Eingang zum Fextal. Es ist das Ende der Wanderung.
The Picturebook











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