Mittsommernacht am Seerhein
Es ist ein Abend im Juni. Mittsommer. An der Seepromenade in Gottlieben steht die Zeit still. Die Luft ist warm, sie riecht nach Wasser, nach dem Ende eines langen, heissen Tages. Barfuss, sitze ich hier, sehe zu, wie die Sonne sinkt, verliere das Gefühl für die Gegenwart. Bin Betrachter eines Zustands, der grösser als alles rund um mich herum.
Der Seerhein fliesst träge. In diesem Moment gleicht er einer flüssigen Leinwand. Gold, dazwischen auflösende Wolken, tiefes Orange. Die Oberfläche bewegt sich kaum. Das Wasser spiegelt das Licht der längsten Tage des Jahres wider, fehlerfrei, wie ein poliertes Glas.
Ich neige wie viele Menschen dazu, solche Momente festhalten zu wollen. Wir spüren die Wärme auf der Haut, das leise Rauschen der Blätter, die Weigerung des Himmels, im Dunkeln zu versinken. Und wir suchen nach einer Pausentaste, die es im Leben nicht gibt.
Das ist der Irrtum der Moderne. Wir glauben, wenn wir ein Bild machen, besitzen wir den Moment. Wir fotografieren den Sonnenuntergang, um ihn abzuspeichern. Aber die Fotografie hält die Zeit nicht an. Sie dokumentiert nur unseren Verlust. Sie zeigt uns das, was in der nächsten Sekunde bereits unwiederbringlich vorbei war. Das Foto ist ein Archiv der Vergänglichkeit.
Die Wahrheit liegt oft in den Auslassungen. In der Stille zwischen den Worten, im Raum zwischen den Dingen. Gottlieben an diesem Abend ist so eine Auslassung. Ein Moment jenseits der grossen Erzählungen, abseits von Alltag, Pflicht und Lärm. Nur das Licht, das auf den sanften Wellen tanzt.
Vielleicht ist die eigentliche Magie dieser Mittsommernächte nicht die Schönheit des Himmels. Sondern die schmerzhafte Gewissheit, dass das Licht schwinden muss, damit es für uns einen Wert hat. Wir ieben den Sommer gerade deshalb, weil wir wissen, dass er vergeht.



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