Kairos – Die Vermessung der Freiheit

Kairos – Die Vermessung der Freiheit. Protokoll einer Teilpensionierung. Mein Kampf gegen mich und die Suche nach dem richtigen Augenblick.

Ein Protokoll der Teilpensionierung

Mein Leben war ein Diktat der Uhr. Fast vierzig Jahre lang war Zeit eine Masseinheit. Man musste sie optimieren, füllen und bezwingen. Die Griechen nannten das Chronos. Die unerbittliche, messbare Zeit.

Teilpensionierung bedeutet: Ich habe jetzt offiziell mehr Freizeit. Doch die Freiheit ist eine Falle.

Ich stehe noch mit einem Bein im Geschäft. Es ist ein System, das niemals ruht. Sobald ich die Schwelle überschreite, schaltet mein Körper zurück in den alten Modus. Anfänglich versuchte ich, die Arbeit von fünf Tagen in zwei zu pressen. Ich erledigte alles. Wie gewohnt. Ich funktionierte.

Wechsel der Geschwindigkeiten

Langsam finde ich die Balance. Aber es gibt einen unerwarteten Preis. Der ständige Wechsel der Geschwindigkeiten erschöpft mich mehr als die Volllast früher.

Wenn ich in die Freizeit trete, nehme ich den Hochdruck mit. Ich kompensiere. Aufgestautes entlädt sich als Lawine. Ich baue sie ab und plane gleichzeitig die Ruhe, als wäre sie ein Projekt. Ich arbeite die Erholung ab. Mein Geist begreift noch nicht, dass eine leere Agenda kein Versäumnis ist.

Der Winter steht mir im Weg. Das Grau und die Kälte zwingen mich ins Haus. In der Wohnung ist mein Homeoffice. Die Arbeit ist physisch präsent, die Idee des nächsten Einsatzes nur einen Raum weiter. Es ist schwer, dort dem Drang zur Erledigung zu entkommen.

Suche nach Kairos

Ich suche nach Kairos. Es ist der andere Begriff für Zeit. Er meint nicht die Dauer, sondern den Augenblick. Den Moment, der eine eigene Qualität besitzt. Kairos lässt sich nicht planen. Man kann ihn nur empfangen. Akzeptieren.

Ich übe das erst seit wenigen Wochen. Ein Leben, das auf Effizienz getrimmt war, stellt man nicht in Tagen um. Ich muss mich disziplinieren, mich zurückzuhalten. Nicht zu springen, wenn das Smartphone leuchtet. Die Stille nicht sofort mit Aufgaben zu füllen.

Es ist ein Kampf gegen die eigene Natur. Freizeit ist kein komprimierter Ersatz für Arbeit. Sie ist ein anderes Element.

Ich bin ein Anfänger im Anderstun, im Nichtstun. Ich gewöhne mir das Erledigen ab. Es wird dauern. Der Winter wird vergehen, die Zeit wird sich dehnen. Ich muss nur lernen, in ihr stehen zu bleiben.

Kairos – Die Vermessung der Freiheit. Protokoll einer Teilpensionierung. Mein Kampf gegen mich und die Suche nach dem richtigen Augenblick.

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