An der Schwelle zu Alt

Die Welt erstickte im Griff der Pandemie. 2020, ein Jahr, das die Menschheit in einen kollektiven Atemstillstand versetzte. Inmitten dieses Chaos feierte ich meinen 55. Geburtstag. Doch die Feierlichkeiten wurden von einem unsichtbaren Feind überschattet – Covid-19.

Plötzlich befand ich mich in einem Überlebensmodus, wie ich ihn nie zuvor erlebt hatte. Die Verantwortung lastete schwer auf meinen Schultern. Die Firma, in der meine Lebensaufgabe steckte, stand am Abgrund. Die drohende Betriebsschliessung schwebte wie ein Damoklesschwert über uns. In dieser Zeit der Ungewissheit, als die Existenz unser aller Lebensgrundlage auf dem Spiel stand, war an Selbstfürsorge nicht zu denken.

Mit vereinten Kräften stemmte das Kern-Team sich gegen die drohende Katastrophe. Zwei Jahre lang kämpften wir erfolgreich Seite an Seite, durchlebten schlaflose Nächte und zermürbende Tage. Getrieben von der Angst um unsere Zukunft und der Verantwortung gegenüber unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, funktionierten wir wie Maschinen.

Doch der Preis war hoch. Als die Pandemie endlich abebbte, spürte ich die Folgen dieser schonungslosen Zeit. Mein Körper war ausgelaugt, meine Seele leer. Die Schicksalsschläge in meinem Umfeld, die ich vor lauter Stress weggeblendet hatte, holten mich nun mit aller Macht ein.

Entweder ich ziehe den Stecker meiner Karriere, oder er wird mir gezogen.

In einem Board Meeting, das sich wie eine Ewigkeit hinzog, fiel der Satz, der bei mir alles verändern sollte. „Wann planen Sie ihre Nachfolge, Herr Schneider?“, fragte der Unternehmensberater kühl. „Die Pandemie hat gezeigt, wie abhängig das Unternehmen von ihnen ist und sie sind ja wirklich nicht mehr der jüngste!“

Seine Worte trafen mich wie ein Schlag. In seinem Blick sah ich keine Anerkennung für die jahrelange Hingabe und den Einsatz meines Teams. In diesem Moment wurde mir schlagartig bewusst: Entweder ich ziehe den Stecker meiner Karriere, oder er wird mir gezogen.

An diesem Abend fand ein tiefgreifendes Gespräch mit meiner Frau statt. Sie, meine Partnerin im Leben und Geschäft, teilte meine Zweifel und Ängste. Gemeinsam fassten wir den Entschluss, unserem Schicksal selbstbestimmt entgegenzutreten. Es war der Beginn einer neuen Reise, voller Ungewissheit, aber auch voller Hoffnung.

In den folgenden Tagen und Wochen kreisten meine Gedanken wie ein Karussell. Was würde die Zukunft bringen? Wie sollte ich mein Leben ohne den Job gestalten, der meine Identität für so lange definiert hatte? Angst und Unsicherheit nagten an mir. Doch gleichzeitig spürte ich ein leises Kribbeln, eine Vorfreude auf das Unbekannte.

Monatelang rang ich mit meinen Zweifeln. Was war mein Wert ohne meinen beruflichen Erfolg? Wer war ich ohne meinen Jobtitel? In ruhigen Momenten lauschte ich auf mein Inneres. Was ist mir wirklich wichtig im Leben? Was macht mich glücklich? Was will ich erreichen?

Die Antworten waren einfach, aber zugleich so tiefgreifend: Zeit mit meiner Partnerin und Freunden verbringen, die Welt entdecken, Neues lernen und etwas Sinnvolles tun. Es war Zeit, loszulassen und neue Pfade zu beschreiten.

Der nächste Schritt war nicht einfach. Ich suchte das Gespräch mit der Eigentümerin der Firma, mit der mich nicht nur eine tolle langjährige Zusammenarbeit, sondern auch eine Freundschaft verbindet. Mein Ziel war es, eine geordnete Nachfolge aufzubauen, ohne die Eigentümerin zu enttäuschen. Aber doch auszusteigen. Mein Vorschlag, dass meine Frau den Stab ihrer Abteilung in zwei Jahren übergeben würde, ich sukzessive mein Arbeitspensum reduziere und eine Nachfolgelösung aufbaue, wurde von ihr mit Freude und zu meiner Überraschung gutgeheissen.

Ein Abschied in Raten, was es mir anfänglich auch nicht viel leichter machte, ein Abschied in Raten von meinem Job, von meinem Lebensinhalt. Ich hatte das Gefühl, dass ich ein Stück meiner Identität abbaute. Doch mit jedem Tag, der verging, spürte ich, wie eine Last von meinen Schultern genommen wurde. Endlich hatte ich Raum, um zu atmen, um zu träumen, um zu leben.

Heute stehe ich an der Schwelle des Neuanfangs. Die Zukunft ist ungewiss, aber ich bin voller Zuversicht. Ich habe gelernt, dass Mut nicht bedeutet, keine Angst zu haben, sondern trotz Angst zu handeln. Ich bin bereit, das Abenteuer Älterwerden mit offenen Armen zu empfangen.

Noch bin ich nicht im Ruhestand und freue mich, demnächst reduziert weiterarbeiten zu können und gleichzeitig anderes zu tun. Doch ist mein Aufbruch in den Ruhestand eine Geschichte von Abschied und Neubeginn, von Angst und Hoffnung, von Zweifel und Zuversicht. Es ist eine Geschichte, die zeigt, dass es nie zu spät ist, seinen Träumen zu folgen und ein Leben zu führen, das von Sinn und Erfüllung geprägt ist.

Blogserie “Mein Aufbruch in den Ruhestand”

Alt sein kann vieles bedeuten, und was da genau auf einen zukommt, weiss niemand im Voraus. Sicher ist nur: Alt werden wir alle. Und viele von uns fürchten sich davor. Ich persönlich stehe im Aufbruch zum Ruhestand und mache mir Gedanken über den neuen Lebensabschnitt. So erzähle ich hier in loser Folge von meinem Weg von der Vision, den Weichenstellung und meinen Plänen für die Zeit nach der Karriere. Und was ich schon alles wieder über den Haufen geworfen habe. Ich schildere meine neue Lebensphase, die für mich vor allem eins bedeutet: einen spannenden wie erfüllenden Neuanfang. Mein Erfahrungsbericht vom Versuch in Würde zu altern – mit Stil und Achtsamkeit, mit Gelassenheit und Tatendrang.

Hier entsteht die Blogserie “Mein Aufbruch in den Ruhestand”


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