Die Suche nach Ostern – Eine Begegnung in der Kunstgalerie

Eine kleine Kurzgeschichte: Die Suche nach Ostern – eine Begegnung in der Kunstgalerie

Zögernd betrat ich die kleine Galerie, draussen war auf einer Tafel mit Kreide „Lighthouse Beach Gallery – auch an Ostern geöffnet“ geschrieben. „Hallo, ist hier jemand?“

Etwas weiter hinten, leicht verdeckt, stand eine Staffelei und ein Mann löste sich von ihr, um auf mich zuzukommen.

»Entschuldige bitte«, trug ich unsicher mein Anliegen vor, »ich suche Ostern …«

„Ich bin Edi, ich bin Kunstmaler, aber hier suchst du vermutlich an der falschen Stelle“, erwiderte mir der kantige Mann.

„Ich bin Marc, ich wollte dich nicht stören“, sagte ich.

„Es freut mich, dass du hereingeschaut hast. Ostern wirst du hier wohl nicht finden, aber Kunst und Ostern haben eine tiefe Verbindung. Gerade jetzt versuche ich, die spirituelle Bedeutung von Ostern in meiner aktuellen Arbeit einzufangen. Die Themen Auferstehung und Neuanfang spielen dabei eine grosse Rolle. Ich glaube, dass Kunst eine Möglichkeit ist, die tieferen Emotionen und Bedeutungen von Ostern zum Ausdruck zu bringen. Ostern wirst du jedoch eher draussen als bei mir finden.“

„Wie meinst du das?“, fragte ich.

„Die Menschen sind draussen, in den Geschäften, unterwegs mit ihren Autos, besuchen Zoos, Freizeitparks und Restaurants. Das ist Ostern.“

„Du denkst also, ich habe Ostern bereits gefunden, im Shoppingcenter?“

„Denkst du nicht, dass Ostern heutzutage nur noch vom Konsum und Alltagsstress geprägt ist?“, bemerkte Edi nachdenklich.

„Ist denn Ostern wirklich nur noch reduziert auf die Zeit, in der man Eier bemalt, Schokolade isst und Geschenke bekommt, die man nicht braucht?“ entgegnete ich. „Aber könnte nicht gerade deine Kunst die wahre Bedeutung von Ostern vermitteln? Die des Neuanfangs, der Hoffnung und der Liebe?“

„Die Kunst kann die Erinnerung an die wahre Bedeutung von Ostern wachhalten, aber Ostern selbst nicht am Leben erhalten“, klang etwas Trauriges in seiner Stimme mit.

„Meinst du, dass die Kunst übersehen wird, weil die Menschen alles finden, was sie an den freien Tagen an Ostern suchen?“, fragte ich.

„Vielleicht hast du recht, der Konsum überdeckt alles. Und wir sind zu Nebeneinander-Menschen geworden. Alle haben jemanden neben sich oder um sich herum, aber keine Zeit füreinander. Wer erträgt es noch, alleine zu sein?“

„Einsamkeit ist eine Realität, wird aber gerade von denen die einsam sind verdrängt.“

„Willst du auch ein Glas Rotwein?“, fragte Edi. „Ich denke, unser Gespräch verdient das.“ Er sah mich an.

„Ja, sehr gerne“, antwortete ich und folgte ihm in seine Küche. Dort setzten wir uns und er füllte zwei Gläser Rotwein ein. Wir stiessen an wie alte Freunde.

„Weisst du, Edi, dein Schild draussen mit ‚An Ostern geöffnet‘ hat mich neugierig gemacht. Ich dachte darüber nach, wo Ostern eigentlich genau zu finden ist.“

„Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Jeder draussen sucht die bessere Welt, Hoffnung und Liebe. Aber suchen sie nicht alle am falschen Ort?“

„Können wir Ostern finden?“

Plötzlich erfüllte eine weibliche Stimme den Raum: „Warum nicht? Ostern ist vielleicht gerade hier im Jetzt. Zwischen uns. Vielleicht müssen wir Ostern in uns selbst finden. Wir sind Ostern, doch für viele Menschen draussen ist es nicht greifbar.“ Wir waren so vertieft in unser Gespräch, dass es uns überraschte, als wir plötzlich bemerkten, dass eine junge Frau an der Küchentür lehnte und uns zuhörte. Sie trug ein sommerliches Outfit, hatte kurze blonde Haare und ein freundliches, einfühlsames Gesicht.

Mit sanfter Stimme fuhr sie fort: „Auch heute stehen wir vor zahlreichen Herausforderungen. Kriege, Armut, Krankheit und Ungerechtigkeit prägen unsere Welt. Doch Ostern erinnert uns daran, dass die Hoffnung niemals erlischt. Es gibt stets einen Ausweg aus der Dunkelheit ins Licht. Vergesst nicht: Die grösste Kraft liegt in der Liebe. Tragt Liebe und Mitgefühl in die Welt.“

Ein Sonnenstrahl drang durch das Fenster der Galerie und erhellt das Gemälde auf der Staffelei, an dem Edi vor meinem Eintritt gearbeitet hatte. Die junge Frau wandte sich um und begab sich von der Küche aus zu dem Bild und schritt geräuschlos in die Welt des Gemäldes ein.

Edi und ich folgten der Frau wie magnetisch und standen lange verzaubert vor dem Bild, beobachteten, wie sie aufrecht und gleichzeitig anmutig durch das Bild ging und schliesslich darin verschwand.

„Maria?“, flüsterte Edi ganz leise, „Marc, es scheint du hast Ostern gefunden.“

In diesem Moment erkannten wir beide den Pfad von draussen nach drinnen.


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