Ein langer Weg nach Galway
Reisen mit Freunden gehört zu den schönsten Sachen der Welt. Allerdings kann es auch zum Horror werden. Nämlich dann wenn Sturheit, Ansprüche und Kompromisslosigkeit der befreundeten Reisepartner in den Vordergrund rücken. Keiner loslassen will, den Konsens nicht sucht. Was dann auf einer Reise passieren kann, davon handelt meine Kurzgeschichte. Ein langer Weg nach Galway …
Die Handlung dieser Kurzgeschichte ist frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit Personen ist nicht beabsichtigt und wäre rein zufällig.
Pünktlich zur Fussball Europameisterschaft meine allererste Kurzgeschichte über eine Reise nach Irland die unerwartet vom Fussball geprägt wurde.

It’s a long way to Galway
Bonita und Willi lernten wir in unserer Nachbarschaft kennen und verbrachten gelegentlich spontan gemütliche Abende zusammen. Beide waren in etwa gleich alt wie wir, lebenserfahren und grundsätzlich positiv. Bonita war leicht rundlich und wirkte fast etwas kleinwüchsig. Sie hatte ein freundliches Gesicht und kurze rote Haare. Der grauhaarige Willi war gut im Schuss, sportlicher Natur. Bonita und Willi waren ein Paar – mal wieder. Zwischendurch hatten sie sich immer wieder getrennt. Und dann war da noch ihr treuer schwarzer Hund, den Bonita über alles liebte.
Bonita fühlte sich am wohlsten zu Hause. Als Fussballfan verfolgte sie alle Spiele ihres Lieblingsvereins im Fernsehen. Und wenn gerade kein Fussballspiel lief, fand sie auch bei anderen Sportarten Begeisterung. Willi, ihr Noch-und-Wieder-Ehemann, war dagegen ein leidenschaftlicher Reisender und liebte es, fremde Länder zu besuchen. Allerdings mochte er es nicht, alleine zu sein. Deshalb hatte er seine sehr sesshafte Bonita.
Als wir die beiden wieder einmal trafen, erzählten wir von unserem Urlaub in Irland. Bonita war voller Begeisterung und sehnte sich danach, diese Insel zu besuchen, von der sie schon so viel in ihren Romanen gelesen hatte. Irland wäre für sie lohnenswert, wieder einmal mit Willi gemeinsam eine Reise zu unternehmen.
Spontan wie meine Frau und ich sind, boten wir ihnen an, einfach mit uns zu kommen. Irland war für uns wie eine zweite Heimat und wir würden demnächst ein paar Tage dort verbringen. Bonita fand die Idee gut und Willi war schliesslich auch begeistert. Also war alles abgemacht!
Wir buchten die Flüge und waren dann überrascht, dass wir danach nichts mehr von den beiden hörten. Als wir nachfragten, kam nur eine knappe Antwort: „Alles in Ordnung. Wir freuen uns auf die Reise. Bis dann!“
Am Flughafen trafen wir die beiden kurz vor dem Abflug. Bonita begrüsste uns kaum, sie hatte richtig schlechte Laune. Sie hätte sich überlegt, die Reise abzusagen, wegen der laufenden Fussball-Europameisterschaft. Uns fiel es wie Schuppen von den Augen – was für ein Planungsfehler! Bonita hatte nicht aufgepasst, dass genau in dieser Zeit unseres Aufenthaltes die EM in Frankreich stattfand. In ihrer Wut darüber wusste sie von nichts mehr, schon gar nicht, dass wir aufs Land rausfahren würden. Wo sei nochmals das Cottage ganz genau? Und ihren Hund würde sie jetzt schon sehnsüchtig vermissen!

Willi schwieg und machte den Anschein, als ob ihn das nicht interessierte.
Meine Frau und ich realisierten, dass es im gemieteten Cottage keinen Fernseher und kein Internet gab. Also würden wir viel Zeit opfern müssen, um die Fussballleidenschaft von Bonita irgendwie zu befriedigen.
Unsere Stimmung sank gegen Null.
Während des Fluges nach Dublin war keine Stewardess vor Bonitas schlechter Laune sicher. Sie erinnerte uns an das mürrische Monster aus einer Schokoladen-Werbung. Genau wie dieses Monster sass Bonita im Flugzeug und lästerte über alles und jeden. Nach der Landung sass sie dann hinten im Mietwagen und machte weiter. Kein Schokoriegel dieser Welt hätte das mies gelaunte Bonita-Monster wieder in die freundliche Rothaarige verwandeln können.
Findet ihr Wolken schön?
Bonita

Willi sass daneben und schwieg.
Typisch irisches Wetter – blauer Himmel und Schäfchenwolken. „Findet ihr Wolken schön? Wolken machen mich depressiv!“, brummte es von hinten. Kurz darauf schlief Bonita ein und verpasste die wunderschöne Landschaft, die an uns vorbeizog. Kurz vor Galway verschlechterte sich das Wetter und es fing an zu nieseln. Bonita wachte auf: „In einem Land, in dem es immer regnet, könnte ich nie leben.“ Der kurze Nieselregen hatte wohl schon auf ihre Stimmung abgefärbt, aber die Laune würde gleich noch viel tiefer sinken. Als wir unser Cottage an der Küste bezogen, kam der Aufschrei, wie er kommen musste: „kein Fernseher, kein WLan“!
Das nächste richtige Dorf war mit dem Auto rund 20 holprige, irische Strassen-Minuten entfernt. Es erforderte viel Mühe, Bonita zu beruhigen. Wir versicherten ihr, dass wir einen Pub finden würden, in dem sie die Fussballspiele schauen könnten. Allerdings war uns bewusst, dass den Iren die Schweiz-Spiele so gut wie egal sein würden! Es erschien uns unwahrscheinlich, dass diese Spiele auf den lokalen Sendern übertragen werden würden.
Willi nahm sich ein Bier und ging mit diesem nach draussen auf die Terrasse, von wo aus er auf das Meer blicken konnte. Er schwieg.
Kurze Zeit später kamen Bonita und wir nach draussen und setzten uns dazu. Die Sonne kam heraus und die Wolken lösten sich langsam auf. Dieser unglaubliche Ausblick auf die Bucht, die unter uns lag, die Sonne verschwand in tiefem Rot langsam hinter dem Horizont. Dieser Augenblick zauberte Willi mit seinem Bier ein zufriedenes Lächeln ins Gesicht.
Diese friedliche Stimmung dauerte jedoch nicht lange an, denn plötzlich geriet Bonita in Panik. Mit weit aufgerissenen Augen schrie sie: „Hier ist nichts, hier ist gar nichts! Kein Auto, kein Haus, kein Geräusch!“ und verschwand genervt im Cottage.
Für den Abend organisierten wir einen Tisch für die beiden in einem Pub im nächsten Dorf. Dort gab es einen grossen Fernseher und der nationale Sender übertrug wie erwartet, nicht das Schweiz- sondern das Brasilien-Spiel. Meine Frau und ich hatten jedoch keine Lust, mitzugehen. Wir wussten, dass Bonitas Laune im „Squealing Pig“-Pub nicht besser werden würde.
Später erzählte uns der Pub-Besitzer, dass Willi verzweifelt versucht hatte, das Schweiz-Spiel auf seinem Smartphone zu streamen. Trotz aller Bemühungen gelang ihm dies nicht. Die Schweiz gewann – ohne Bonita! Das Schokoriegel-Monster wurde noch grösser.
Im Cottage knisterte unterdessen im Living Room ein Feuer im Schwedenofen. Leichter Torfgeruch erfüllte den Raum. Wir sassen gemütlich vor dem Ofen und lasen in unseren Büchern, im Hintergrund leise Musik. Plötzlich polterte es, die Haustüre flog auf. Das übergrosse, aufgeblasene Schokoriegel-Monster stand mit ihrem Willi mitten im Wohnzimmer, war richtig wütend – auf uns! Für sie war alles hier eine Katastrophe. Sie hatte das Gefühl, von uns zu dieser Reise überredet worden zu sein, wollte nie in diese langweilige, trostlose Gegend, zu diesen komischen Leuten, die nicht einmal richtig Englisch sprachen (Bonita konnte gar kein Englisch …). Unser Fahrstil sei furchtbar und sie wäre immer kurz davor, sich zu übergeben. Wir seien langweilige Bürohelden, echte Couchpotatoes! Die ständige Bevormundung ging ihr auf die Nerven und wir würden die ganze Zeit quasseln. Ach ja, und überhaupt!
Willi nickte zustimmend.
Während meine Wut in mir aufstieg, blieb meine Frau überraschend ruhig. Als ob wir uns abgesprochen hatten, machten sie den beiden den Vorschlag, das ganze jetzt abzubrechen. Bonita und Willi sollten lieber nach Dublin zurückreisen, dort hätte es genug Sport-Pubs, wo die beiden ihre Spiele schauen könnten.
Willi nickte – sogar zweimal.
Wir vereinbarten, dass wir den Mietwagen behalten und die beiden am nächsten Tag mit dem Zug von Galway nach Dublin zurückreisen würden.
Ich fing an, die Stunden zu zählen, bis wir endlich das Monster und ihren Willi in den Zug setzen konnten.
Am nächsten Morgen fühlte sich Bonita unwohl und verbrachte lange Zeit im Bett. Daher konnten wir erst am Nachmittag aufbrechen.
Willi übernahm das Steuer und Bonita hatte das Sagen. „Bonita kann das“, meinte der wortkarge Willi, „sie hat das Ziel, den Bahnhof in Galway, bereits ins Navi eingegeben.“ Bonita sass wichtig auf dem Beifahrersitz, während wir uns auf die Rückbank setzten. Willi gab Gas – “Liiiinks!”, schrie Bonita und beschimpfte Willi minutenlang. Willi wechselte rasch auf die korrekte Fahrbahnseite und meisterte die irischen Strassenverhältnisse in der Folge einigermassen gut. Bonita dagegen hatte das Navi überhaupt nicht im Griff! Da das Schokoriegel-Monster nicht wusste, wo wir eigentlich waren und wie man Galway schrieb, hatte sie einen falschen Ort ins Navi eingegeben. Ein Ort, der etwa genauso weit entfernt von unserem Cottage lag wie Galway, jedoch im Süden statt im Norden. Der dortige Bahnhof lag zudem nicht auf der Strecke nach Dublin, sondern auf der Strecke Galway – Limerick – Cork.
Meine Frau erkannte diesen Fehler sofort und gab mir einen kleinen Stupser – ich hatte verstanden. Wir machten uns Zeichen und schwiegen.
Bonita wunderte sich dagegen überhaupt nicht und liess Willi blind dem Navi über schmale Strassen und Gassen folgen. Bonita kann das! Zwischendurch führten wir höflichen Smalltalk.

Irgendwann fragte Bonita, ob Galway ein grosses Dorf sei. „Nun ja, für irische Verhältnisse ist es schon eine grössere Siedlung“, meinte ich gelassen. Galway ist in Wirklichkeit eine grosse Stadt, während der irrtümlich eingegebene Ort Craughwell eher ein Weiler mit einem kleinen, unbewachten Bahnhof war. In the middle of the irish nowhere! Es war bereits später Nachmittag, als Willi auf den Platz vor dem kleinen Bahnhof einbog. Der Bahnhof hatte eher Ähnlichkeit mit einer Bushaltestelle.
Bonita stürzte aus dem noch fast bewegenden Auto, lief zum Bahnhof und studierte den Fahrplan. Kein Zug nach Dublin! Das Schokoriegel-Monster brodelte wieder und stand kurz vor der Explosion. Bevor ich den Irrtum aufklären konnte, bekam ich böse Blicke von meiner Frau zugeworfen. Sie ging demonstrativ zum Auto, öffnete den Kofferraum und stellte das Gepäck der beiden auf den Platz. „Der Zug kommt in fünf Minuten und fährt nach Limerick. Dort müsst ihr nur in den Schnellzug nach Dublin umsteigen.“ In diesem Moment fuhr der Zug ein und die Bremsen quietschten. „Die Tickets könnt ihr im Zug kaufen.“ Meine Frau zog Bonitas Rollkoffer zum stillstehenden Zug und lud ihn in die erste offene Tür, die sie erreichen konnte.
Bonita und Willi stiegen hastig in den Zug ein. Ich warf fast etwas überstürzt Willis Gepäckstück hinten nach. Dann erschien das Abfahrtssignal! Wir tauschten noch ein kurzes „machts gut“ aus und winkten uns zum Abschied zu.
Das aufgeblasene Schokoriegel-Monster war weg, genau wie meine schlechte Laune. Der kleine Bahnhof war leer, keine Menschenseele. Ausser einem schwarzen SUV mit offenem Kofferraumdeckel und uns beiden, die auf einem Randstein in der späten Nachmittagssonne sassen und fröhlich miteinander plauderten.

Meine Frau steuerte kurze Zeit später unseren grossen SUV (den wir auf Wunsch von Bonita gemietet hatten) zielsicher zurück in Richtung Cottage. Während die Gegend immer bergiger wurde, dachte ich über alles nach und fragte: „Woher wusstest du eigentlich, dass ein Zug kommen würde?“
„Das habe ich auf meinem Smartphone gegoogelt“, antwortete sie.
„Und wann haben die beiden überhaupt einen Anschlusszug nach Dublin?“, fragte ich weiter.
„Ich weiss es nicht – vielleicht morgen früh? Ich glaube nicht, dass heute Abend noch ein Zug von Limerick nach Dublin fährt.“
Meine Frau setzte ihr bezauberndes Lächeln auf, gab demonstrativ Gas und jagte den schweren SUV gekonnt die vor uns liegende Bergstrasse hoch.
It’s a long, long way to Dublin …
Es gibt Menschen die können überall auf der Welt hinreisen und finden es dort dann schön.
Bonita

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Eine Reise in der Gruppe birgt immer die Gefahr, dass man am Ende zu unterschiedlichen Vorstellungen hat von einer Reise. Dabei gibt es doch nichts Schöneres als gemütlich vor einem Schwedenofen zu sitzen, die Ruhe zu geniessen und einfach mal abzuschalten. Aber das ist wohl nichts für jeden…
Die flackernden Flammen, die Wärme die ein Schwedenofen ausstrahlt ist für mich immer irgendwie auch ein Ort, an dem Geschichten erzählt und Erinnerungen geschaffen werden. Ganz vielen Dank für Deinen Kommentar und LG Michael