Mein Stück vom Glück

Ich fotografiere gerne, ich schreibe gerne, ich wandere und reise gerne und vor allem staune ich gerne!

Lange habe ich nach dem Glück gesucht. Ich las Bücher, trainierte mich selbst, immer mit dem Ziel, permanent glücklich zu sein. Doch irgendwann erkannte ich: Glück am Stück gibt es nicht. Glücklichsein und Unglücklichsein gehören zusammen. Glück ist keine Entscheidung, sondern einfach nur ein Gefühl, das aus vielen Facetten besteht.

Ich hatte vergessen, dass Glück kein Dauerzustand ist. So viele Menschen um mich herum streben nach einem Leben ohne Jahreszeiten, ohne die Schwankungen der Gefühle. Doch wenn die Emotionen nicht ausschlagen, wird das Leben farblos und öde. Glück ist grell, laut und oft nur von kurzer Dauer – und es lässt sich ohne das Unglück nicht denken.

Die heutige Glücksindustrie verspricht ein Leben ohne Verzweiflung, Trauer und Schmerz. Glück wird durch Yoga, Diäten und aufgeräumte Wohnungen angepriesen. Bücher mit Titeln wie „Glück ist kein Zustand, Glück ist eine Entscheidung“ füllen die Regale. Die Ratschläge darin sind oft banal, und die Definition von Glück reduziert sich häufig auf den Satz: „Der Einzelne ist seines Glückes Schmied.“ Alle diese Ratgeber führen zu einem Punkt: Wer scheitert, ist selbst schuld!

Mit wachsendem Wohlstand wächst auch der Anspruch auf Glück. Wir träumen vom perfekten Leben, vergessen aber, dass Glück nicht in unseren Genen liegt.

Warum habe ich es nicht geschafft, permanent glücklich zu sein? Meine positiven Ratgeber in Büchern und Podcasts haben mir doch versprochen, dass ich mein eigenes Glück gestalten kann! Doch könnte ich es überhaupt aushalten, wenn das Glück tatsächlich von mir abhängen würde?

Würde mich das Glück überschütten, ich würde es wohl verspielen, um der Monotonie zu entfliehen. Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Serie guter Tage? Glück ist für mich Euphorie, intensiv und kurz. Danach kehrt der Alltag ein, meist ein zufriedener Alltag.

Das ungetrübte Glück macht keine guten Geschichten. Ohne Unglück gäbe es keine grosse Literatur, keine bewegende Musik und keine fesselnden Filme. Aus dem Unglück anderer ziehen wir Trost und Inspiration.

Ich denke viel, vermutlich viel zu viel. Gerade das bringt mein Glück in Gefahr. Während ich nachdenke, verliere ich den Boden unter den Füssen; häufig ist die Unzufriedenheit mein Motor. Innere Konflikte treiben mich voran, während der glückliche Stillstand oft aus einem Überdruss entsteht, nicht mehr „wollen zu wollen“.

Ein Teil unserer Gesellschaft sehnt sich nach mächtigen Autokraten, die uns die Unzufriedenheit nehmen und das Paradies versprechen: Eine Welt, in der alle wunschlos glücklich sind, befreit von negativen Gefühlen und (politisch) ruhiggestellt im Glück.

Hätte ich dann nicht alles verloren? Mein Recht auf Unglücklichsein, das Recht, falsche Entscheidungen zu treffen, alt und hässlich zu werden? Ein Diktat der Glücksideologie würde alle Unwägbarkeiten verbannen. Glücklichsein wird zur Vorschrift!

Darum bin ich inzwischen froh, gescheitert zu sein bei meiner Suche nach dem dauerhaften Glück. Dennoch habe ich mein Stück vom Glück gefunden – kurze, euphorische Momente, die viel Freude auslösen. Inzwischen habe ich gelernt, diese Freude in mir zu bewahren und nicht gleich ins nächste Loch zu fallen. Stattdessen freue ich mich im Alltag an den kleinen, schönen Momenten und lasse auch die Phasen des Unglücklichseins zu. Denn erst wenn ich zwischendurch unglücklich bin, weiss ich, was Glück wirklich bedeutet.


Entdecke mehr von

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

You Might Also Like