Eine Reflexion über Arbeitsräume und Emotionen
Die riesige automatische Glasschiebetüre des Werkstattgebäudes öffnet sich und ich trete ein. Kaum bin ich drin, werde ich vom Werkstattleiter begrüsst. Ich übergebe ihm den Autoschlüssel und setze mich, wie er es verlangt, in einen der schwarzen, ledernen Clubsessel in der Lounge. Die Lounge befindet sich links vom Eingang, direkt neben dem Empfang. Auf der rechten Seite ist die Auftragsabwicklung, aber nur einer der vier Arbeitsplätze ist besetzt. Hinter dem Empfang gibt es noch mehr Arbeitsplätze, aber von meinem Platz aus kann ich sie nicht sehen. Es erinnert alles an ein Grossraumbüro mit einem technischen und industriellen Look, verstärkt durch den hellgrauen Teppich und das kalte Licht. Im Osten ist eine grosse Fensterfront, die von der morgendlichen Feuchtigkeit draussen angelaufen ist. In der Lounge sitzt jemand, etwas entfernt von mir. Es ist ein Mann mit heller Hose, braunen sportlichen Schuhen und einem weissen Hemd. Er schaut auf den leuchtenden Bildschirm seines Smartphones. Eine Mitarbeiterin in schwarzer Kleidung und mit hochgestecktem Haar hat mir eine weisse, dampfende Kaffeetasse auf den schwarzen, rechteckigen Salontisch vor mich gestellt. Die Oberfläche des Tisches ist leicht zerkratzt. Neben meiner Kaffeetasse steht nur noch ein Fläschchen mit Desinfektionsmittel in der Mitte. Rechts und links von mir stehen gepflegte Zimmerpflanzen. Ein leises Klackern auf einer Tastatur durchzieht den Raum. Ein Telefon summt ununterbrochen. Gelegentlich laufen Mitarbeiter oder Mitarbeiterinnen in schwarzer Kleidung und schwarzen Schuhen an der Lounge und am Empfang vorbei.

Das Telefon summt weiter, aber es scheint niemanden zu stören. Die ganze Szene erinnert an ein Wartezimmer beim Arzt. Keine hektische Arbeitsatmosphäre. Es findet keine direkte Kommunikation statt. Keine Stimmen, keine Gespräche. Wenn jemand telefoniert, dann sehr leise, kaum hörbar. Die telefonierende Person verlässt jeweils schnell den Raum, fast geräuschlos und geht durch die automatisch öffnende Schiebetür nach draussen.
Niemand bricht die meditative Stille. Eine Stille, begleitet von dem ständigen Klappern der Tastatur. Sogar der andere Kunde, der immerzu auf den Bildschirm seines Handys blickt, scheint in Starre verfallen zu sein.
Frage mich, ob die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen hier heimlich miteinander chatten? Ist die Interaktion elektronisch und versteckt? Spürt man hier eine gewisse Angst vor den Chefs? Oder verhindert die offene Architektur eine lebendige Arbeitsatmosphäre? Brauchen Menschen ihre eigenen Räume, um Ablenkungen, unnötigen Stress und Beschränkungen zu reduzieren und kreativ zu sein? Würde Musik die Atmosphäre verändern? Was denken die Kunden, die wie ich geduldig auf den Wechsel der Winterreifen warten? Was empfinden sie, wenn sie das Gebäude verlassen und ihr Fahrzeug wieder in Empfang nehmen? Oder werden wir bewusst emotional abgekühlt?
Der Werkstattchef reisst mich aus meinen Gedanken. Mein Auto ist fertig. „Kommen Sie, wir gehen nach draussen, dort kann ich Ihnen alles in Ruhe erklären“, sagt er leise zu mir. „In Ruhe“, denke ich. „Das ist in Ordnung“, flüstere ich ihm schon fast demütig zu. Und ich folge ihm durch die grosse Schiebetür, die kaum hörbar aufgleitet, nach draussen.
Ich habe diesen Text während eines Schreib-Experiments im Kurs „Kreatives Schreiben“ (Schreibwerk Ost) vor Ort verfasst. Beim Aufräumen bin ich auf diesen Text gestossen und habe mich entschieden, ihn hier unmodifiziert wiederzugeben. Die Fotos wurden am selben Ort, jedoch zu einem späteren Zeitpunkt aufgenommen.
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