Freiwillige Teilpensionierung, Kunst der Entscheidung

Freiwillige Frühpensionierung, Kunst der Entscheidung

Hier sitze ich wieder, in meiner gemütlichen Wohnung am See, vor meinem Computer. Draussen hat es frisch geschneit, und der See sowie das Ufer strahlen in traumhaften Weisstönen. Meine Gedanken kreisen um meine bevorstehende Teilpension­ierung. Der Entschluss steht fest, jetzt gilt es zu organisieren – privat wie geschäftlich. Zudem wird meine Partnerin in den nächsten Wochen ebenfalls aufhören zu arbeiten. Die Freiwillige Teilpensionierung, Kunst der Entscheidung? Ein spannender neuer Lebensabschnitt?

Die Arbeit und ihre Bedeutung

Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der Arbeit von grosser Bedeutung war. Meine Eltern haben mir beigebracht, dass man arbeitet, um etwas zu erreichen und der Gemeinschaft beizutragen. Immer war ich bereit zu leisten, mein ganzes Leben lang Vollzeit. Was ich darunter verstand, hätte für viele wohl einem 140%-Pensum entsprochen. Als Co-Inhaber einer Firma war um fünf Uhr selten Schluss, und am Wochenende warteten Routineaufgaben auf mich.

Vom Traum zur Entscheidung

Oft war ich auf Achse, ständig beschäftigt. Zeit für Freunde oder für Fitness, Oper oder Ehrenamt blieb im Terminkalender kaum. Lange erfüllte mich das Gefühl, gebraucht zu werden, aber irgendwann wurde ich auch erschöpft. Ich fühlte, wie alles verdichteter und hektischer wurde, und sehnte mich nach mehr Freiraum – nach meinem eigenen Rhythmus.

Meine Partnerin, die im HR tätig ist, hat ebenfalls immer Vollzeit gearbeitet. Oft träumten wir davon, früher in Rente zu gehen, und wir legten fleissig Geld zur Seite. Dann kam der Schicksalsschlag: Mein Bruder starb, nur etwas über fünfzig. In dieser schweren Zeit gab mir die Arbeit Struktur und Halt. Doch der Tod meines Bruders öffnete mir die Augen. Aus dem Wunsch, mein Arbeitspensum zu reduzieren, wurde eine Entscheidung. Es wurde mir schmerzlich bewusst, wie kurz das Leben sein kann.

Freiwillige Frühpensionierung, Kunst der Entscheidung

Die gesellschaftliche Wahrnehmung älterer Arbeitnehmer

Ich gehöre also zu denjenigen, die vor dem offiziellen Rentenalter aus dem Berufsleben langsam aussteigen. Früh- und Teilpension­ierungen sind im Trend. Viele wollen einfach früher aufhören oder kürzer treten, auch wenn die Lebenserwartung steigt und die Phase des Rentenlebens immer länger wird.

Die Gesellschaft übt zunehmend Druck auf die freiwillig Früh- uns Teilpensionierten aus. Viele fordern eine politische Debatte darüber, wie ältere Menschen im Erwerbsleben gehalten werden können. Massnahmen wie die Erhöhung des Rentenalters oder die Abschaffung der steuerprivilegierten Selbstvorsorge werden diskutiert. Die Diskussion ist kontrovers. Oft höre ich, dass die Generation Z als Ursache des Fachkräftemangels angesehen wird, und UnternehmerInnen verzweifeln an ihren Ansprüchen. Und sich ihr Blick auf die Älteren richtet.

Generation Z: Eine neue Sicht auf Arbeit und Leistung

Es scheint, dass Teile der Wirtschaft den Jungen noch immer mit einer überholten Arbeitsmoral begegnen: „Leiste zuerst, dann fordere.“ Diese Haltung impliziert, dass man über 40 Jahre lang seine Arbeitskraft zur Verfügung stellen soll, um erst mit 70 Jahren die Früchte seiner Arbeit geniessen zu können. Doch nun sehen sich diese Teile der Wirtschaft mit der Verantwortung für die alternde Bevölkerung konfrontiert und fordern von der Politik Lösungen, um ältere Arbeitnehmer länger im Arbeitsleben zu halten. Dabei ist es noch nicht lange her, dass beispielsweise in der Schweizer Bankenwelt ein ausgeprägter Jugendwahn herrschte und dort kaum jemand über 45 Jahre alt war.

Es stellt sich die Frage, wie diese Entwicklung in den letzten Jahrzehnten so lange unbeachtet bleiben konnte. Warum wird das Thema der alternden Babyboomer-Generation (ich gehöre allerdings schon in die Gen X) erst jetzt aktuell? Trends wie Work-Life-Balance, „Fire“ (Financial Independence, Retire Early) oder eine „zweite Karriere für Ältere ab 50ig“ scheinen bei vielen Arbeitgebern noch nicht angekommen zu sein.

Junge Menschen wie ein guter Bekannter von mir, ein ETH-Absolvent, gestalten ihr Leben nach dem „Fire“-Prinzip: Minimalistischer Lebensstil mit dem Ziel, finanziell unabhängig zu sein und früh in Rente zu gehen. Er verzichtet auf unnötigen Konsum, fährt Rad statt Auto und kocht selbst. So baut er seine Sparquote sukzessive auf und plant, sich bereits mit 40 Jahren aus dem Arbeitsleben zurückzuziehen.

Gleichzeitig wird das enorme Potenzial der Generation Z oft nicht erkannt. Diese Generation ist bestens ausgebildet, effizient und kann dank ihrer digitalen Kompetenz und dem Einsatz von KI den Fachkräftemangel deutlich reduzieren. Der Schlüssel liegt darin, ihre Fähigkeiten optimal zu nutzen. Die Erwartung, dass junge Menschen 80-Stunden-Wochen leisten, ist unrealistisch. Das Tempo der modernen Arbeitswelt hat ein gefährliches Niveau erreicht und ist dauerhaft nur mit flexiblen Arbeitsmodellen wie der Viertage-Woche physisch und psychisch zu bewältigen.

Der digitale Wandel als Antrieb zur Veränderung

Die Generation Z hat mich inspiriert, meine Prioritäten zu überdenken und neue Wege zu gehen. Obwohl ich mich immer als Leistungsträger gesehen habe und mein Beruf einen wichtigen Teil meiner Identität ausmachte, habe ich erkannt, dass Arbeit nicht alles ist. In einigen Monaten werde ich meine Karriere beenden, aber noch nicht ganz aufhören. Ich habe die Möglichkeit erhalten, als digitaler Nomade mit einem Jahresziel in einem kleinen Pensum weiterzuarbeiten. So schaffe ich Raum für junge Nachfolger, die bereits jetzt frischen Wind in das Unternehmen bringen, das ich jahrelang begleitet habe.

Auch meine Partnerin beendet einige Wochen vor mir ihre Arbeit. Sie flieht nicht vor einem ungeliebten Job, doch der digitale Umbruch und der körperliche Stress halten sie auch nicht davon ab. Nach über 40 Jahren Vollzeitarbeit ist nun für sie die Zeit gekommen, das Leben nicht länger aufzuschieben.

An diesem stillen Wintertag steht die Hoffnung auf zukünftige, private Abenteuer klar vor mir. Immer deutlicher wird, dass der Weg in die freiwillige Teilpensionierung nicht nur eine Entscheidung, sondern eine Einladung ist, das Leben neu zu leben.


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