Gelassenheit und Geduld im Kampf gegen die Provokation
Es ist, als hätte jemand die Tore eines Tollhauses aufgestossen und die Akteure in die politische Arena entlassen. Lautstark und unversöhnlich tobt das Chaos, überschwemmt die vermeintlich sicheren Räume unserer Gesellschaft mit Irrationalität und Gesetzlosigkeit. Man fühlt sich unweigerlich an die gnadenlose Welt der Wirtschaft erinnert – doch während dort mitunter Gelassenheit und Geduld zum Erfolg führen, scheinen diese Tugenden im politischen Spiel verloren gegangen zu sein.
Es war in den frühen Neunzigern, als ein spanischer Top-Manager, ein Conquistador der Verhandlungsmacht, die Spielregeln der Wirtschaft neu definierte. Er machte Unmenschlichkeit zum Prinzip, presste Preise mit brutaler Intensität, zwang Zulieferer in untragbare Verträge oder jagte sie vom Markt. Irrationalität, Aggression, die Missachtung jeglicher Normen – das war sein Rezept für Erfolg. Der Mensch, seine Leistung, seine Würde? Blosse Kollateralschäden im gnadenlosen Kampf um die Maximierung des Profits.
Die Kunst der unfassbaren Provokation
Es überrascht nicht, dass viele der heutigen Tech-Milliardäre, die im Westen die politischen Fäden ziehen, nach diesem Muster agieren. Ihre Unternehmen – Blasen der Widerspruchsfreiheit, in denen Kritik nur in einer Richtung erlaubt ist. Auf der anderen Seite des Spektrums: Autokraten des Ostens, die sich ebenfalls über Regeln hinwegsetzen, brutal und unverblümt. Sie führen Kriege unter dem Deckmantel der Befreiung, beklagen die Gefahr die von der Demokratie ausgeht, setzen diese in Brand.
Unsere „Führungs-Milliardäre“ hingegen setzen auf unfassbare Provokationen. Die Lautstärke ihrer Ankündigungen übertönt die schleichende Gefährdung. Wie ein Stein, der mutwillig ins Wasser geworfen wird, ziehen ihre Entscheidungen immer weitere Kreise. Skandal folgt auf Skandal, undenkbare Ereignisse werden zur Normalität: Staatsstreiche, Massenentlassungen, gebrochene Verträge, Grenzen, die durch Geld oder Gewalt ihre Bedeutung verlieren.
Erinnerungen an ein Ultimatum
Erinnerungen an die Neunziger werden auch bei mir wach. Ein Grosskunde, der alle Verträge fristlos kündigt, eine weitere Zusammenarbeit nur unter der Bedingung der Preissenkung um 33% anbietet. Ein Ultimatum: 24 Stunden, oder das Aus.
Zunächst: Absurdität, Widerspruch, der Bruch aller Normen. Doch dahinter: Ein rationales Kalkül. Der Kunde, ein Trampel, aber ein Meister der Verwirrung, der Denkverbote bricht, Drohungen als legitimes Mittel des Wettbewerbs einsetzt.
Doch Gelassenheit und Geduld siegen. Ein kühles Bier, eine nüchterne Analyse der Situation. Die Entscheidung: Diesem Weg nicht folgen. „Ihrem Wunsch folgend stellen wir unsere Dienstleistungen per sofort ein. Vielen Dank für die bisherige Zusammenarbeit und viel Erfolg für Ihr Unternehmen.“
Wut am anderen Ende der Leitung, Schreie, Drohungen. Doch die vertraglichen Bedingungen werden erfüllt, die Trennung erfolgt fristgemäss. Wenigstens. Die Zeit, die wir brauchten, wurde gewonnen.
Heute: Die Zumutung des Irrationalen in der Politik. Ein noch grösserer Stein wird blind in den Hühnerstall geworfen, und man wundert sich über die Niederlage. Der Wettbewerb der Gedanken kann so nicht gewonnen werden. Vernunft wächst nicht im Angesicht des Chaos, sondern am Widerstand gegenüber dem Unrecht.
Was wurde aus dem rücksichtslosen Trampel der Neunziger? Verschwunden. Sein Unternehmen: Nicht mehr existent. Übermut, der teuer bezahlt wurde. Die Jagd nach niedrigen Preisen, die Monopolisierung der Märkte, Qualitätsprobleme, Lieferengpässe – der Untergang.
Die Lektionen der Vergangenheit
Kurzfristige Kosteneinsparungen, die langfristig verheerende Auswirkungen haben. Die Branche hat gelernt: Ausgewogene Verhandlungsmacht, respektvolle Partnerschaften – der Schlüssel zu Innovation, Stabilität und Qualität.
In der Politik scheinen diese Lektionen vergessen. Doch während der Stein des Irrationalen weiter ins Wasser geworfen wird, bleibt eines gewiss: Die Vernunft wächst am Widerstand. Anders als in der Wirtschaft, wo die Folgen des Chaos meist auf ökonomische Schäden beschränkt bleiben, halten die Provokateure in der Politik die Macht über Waffen und Bomben in ihren Händen. Umso wichtiger ist es, dass wir ihnen mit Gelassenheit und Geduld begegnen, denn nur so können wir verhindern, dass der ins Wasser geworfene Stein zu einer Flutwelle der Zerstörung wird.
Mein politisches Ideal ist das demokratische. Jeder soll als Person respektiert und keiner vergöttert sein.
— Albert Einstein
Bild: Einstein-Brunnen, 1984, Ulm. Dort zeigt sich der weltberühmte Physiker von seiner spöttischen Seite. (Künstler: Jürgen Goertz)
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