Logbuch: Island & Beyond

Ein Living-Post. Unser Reise-Ticker – ständig aktualisiert.

Der Vorruhestand ist kein Ende, sondern ein Wendepunkt. Wir beginnen ihn nicht mit dem Ausruhen, sondern mit dem Aufbrechen. Drei Monate Island. Im Sommer 2026 geht es los.

Doch dieser Sommer ist erst der Prolog. Island bildet den Auftakt für eine Reihe langer Reisen zu Horizonten, für die bisher die Zeit fehlte. Es ist der Beginn einer neuen Art zu leben.

Dieses Logbuch dokumentiert den Weg, die Vorbereitungen und das, was folgt. Die Chronologie ist umgekehrt: Das Neueste steht immer oben.


Eintrag #17: Der Übergang

+++ 7. August 2026

Die Anreise ist abgeschlossen. Die Dokumente sind geprüft, die MS Norröna hat abgelegt und wieder angelegt, der Atlantik liegt hinter uns. Das Bimobil steht auf isländischem Boden.

An dieser Stelle schliesst der Iceland Ticker.

Die Reise geht weiter, doch das Format ändert sich. Ab sofort erscheinen unsere Erlebnisse, Routen und technischen Erfahrungen als eigenständige Berichte in der Rubrik Michael’s Reisenotizen – strukturiert, fokussiert und mit der nötigen Tiefe für das, was vor uns liegt.

Wer unsere Fahrt nahezu in Echtzeit begleiten möchte, findet tägliche Eindrücke, Momentaufnahmen und spontane Stories auf Instagram: @michaels_beers_and_beans.

Die Strasse ruft. Wir lesen uns in den Reisenotizen oder auf Instagram.

Eintrag #16: Die Überfahrt über den Nordatlantik

+++29. Juli 2026

Am Hafen von Hirtshals taucht die MS Norröna erst als kleiner, weisser Punkt am Horizont auf. Wenig später liegt der Koloss mächtig an der Kaimauer.

Die Einschiffung verläuft überraschend ruhig. Das Einweisepersonal hat das Chaos im Griff. Ein kurzer Schreckmoment: Wegen der Höhe unseres Bimobils müssen wir Zentimeterarbeit leisten und direkt unter einer der beweglichen Auffahrrampen parkieren. Die Einweiserin bleibt gelassen, weist uns präzise ein. Wir greifen unsere Weekender-Taschen – das Gepäck für zweieinhalb Tage Isolation vom Fahrzeug – und suchen unsere Kabine auf Deck 7. Sie ist klein, zweckmässig, gemütlich. Mit Blick auf das offene Meer.

Dann der Moment, in dem die Motoren spürbar hochfahren. Wir stechen in See. Ein lang gehegter Traum wird konkret.

Die Fahrt verläuft erstaunlich friedlich. Wir verbringen die Zeit damit, das Schiff zu erkunden. In der Bar ergattern wir zwei Liegestühle direkt an der Panoramawand – ein Ausblick fast wie auf der Kapitänabrücke. Wir lesen, sprechen, trinken Kaffee, nehmen den Apéro. Es ist eine neuartige Erfahrung: Das Phänomen, einfach der Zeit beim Verstreichen zuzusehen, während dieses scheinbar riesige Schiff als winziger Punkt durch die Weite des Nordatlantiks pflügt.

Am ersten Morgen passieren wir die Shetland-Inseln aus nächster Nähe. Erinnerungen kommen hoch. Wir erkennen Küstenstreifen, auf denen wir einst gewandert sind, und den Leuchtturm Muckle Flugga. Am Abend erreichen wir die Färöer-Inseln. Die Hafeneinfahrt erleben wir im Wind an Deck, die spätere Ausfahrt im Schiffsrestaurant an einem Fensterplatz.

In der zweiten Nacht setzt sichtbarer Wellengang ein. Obwohl die See als ruhig gilt, hebt und senkt sich der Rumpf in zwei bis vier Meter hohen Wellen. Ein flüchtiger Gedanke an die Rückfahrt im späten Oktober keimt auf: Wie wird das hier erst bei Sturm sein?

Am nächsten Morgen, kurz nach dem Aufstehen: Land in Sicht. Es folgt eine spektakuläre Einfahrt in den Seyðisfjörður. Wir haben Island erreicht.

Die Ausschiffung verlangt Geduld. Wir müssen rückwärts vom Deck manövrieren und reihen uns in die Kolonne vor dem Zoll ein. Nun zeigt sich, ob die Online-Registrierung und die hochgeladenen Dokumente korrekt waren. Dann bewegt sich unsere Spur. Ein kurzer Blick der Zöllnerin auf unser Kennzeichen, ein Winken. Wir sind durch.

Das Bimobil rollt die ersten Meter auf isländischem Boden.

Eintrag #15: Der Weg nach Norden

+++21. Juli 2026

Es hat begonnen. „Kreuz und Quer durch Island“ heisst die Expedition, doch bevor die Fähre ablegt, liegen drei Tage Asphaltdistanz vor uns. Wir haben der Anreise vom Bodensee nach Hirtshals bewusst Zeit gegeben.

17. Juli 2026 – Der Abschied

Ein letztes Bad am Morgen im Seerhein. Der Tag läuft nach Plan, der Alltag ist endgültig abgeschaltet. Nach einem letzten Mittagessen folgt der Gang auf die Lastwagen-Waage an der Landi Berg: 3’370 Kilogramm. Wir bleiben unter dem Limit. Erleichterung. Wir verlassen den Bodensee, eine ganz kurze Etappe, rollen bis Geisingen, kaufen ein und finden den ersten Stellplatz. Die digitale Spurensicherung beginnt: Meine Frau setzt für unsere Familie und Freunde den ersten Schritt auf Polarsteps.

18. Juli 2026 – Die Distanz

Aufstehen um sechs Uhr, Abfahrt vor sieben. Sechseinhalb Stunden Fahrt bis Hannover. Wir kommen gut durch die Sommerferien-Karawane. Der Campingplatz Birkensee (Laatzen, bei Hannover) erweist sich als kleine Oase direkt an der Autobahn. Ein Sprung in den kleinen See wäscht die Kilometer von der Haut.

19. Juli 2026 – Der Weg an die Grenze

Der Norden rückt näher. Vor uns liegt der endlose Ferienverkehr Richtung Skandinavien, doch das Bimobil schiebt sich stoisch durch die Kolonnen. Wir kommen erstaunlich gut durch.

In Flensburg ein strategischer Zwischenstopp: Wir füllen den LPG-Gastank für die kommenden Wochen. Ein kurzes Mittagessen bei Gosch auf der Terrasse direkt am Wasser, die Seeluft kündigt bereits den Norden an. Kurz darauf überqueren wir die dänische Grenze und erreichen Aabenraa.

Wir finden erneut ein lauschiges, ruhiges Plätzchen. Nach dem Einkauf im lokalen Rema 1000 gibt es Kalbssteak und Salat vor dem Reisemobil. Spät am Abend das Finale auf dem iPad: Spanien holt den Titel. Unser Tag endet trotzdem friedlich.

20. Juli 2026 – Die Ankunft an der Kante

Fahrt durch Jütland, von Süden nach Norden. Je weiter wir vordringen, desto dünner wird der Verkehr. In Hirtshals beziehen wir einen Platz auf dem emsigen Campingplatz – mit freiem Blick auf die Nordsee und den Leuchtturm. Spaziergang ins Dorf, frischer Fisch auf der Terrasse des Hirtshals Fiskehus, danach dänisches Softice. Der Abend ist mild. Ein Glas Wein, der Sonnenuntergang über dem Meer.

Spät am Abend packen wir die Taschen für die Überfahrt. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, das Bimobil für zweieinhalb Tage auf dem Fährdeck zurückzulassen.

Morgen schiffen wir auf die MS Norröna ein. Die Strasse endet hier. Das Meer übernimmt.

Eintrag #14: Das Rauschen vor dem Aufbruch

+++16. Juli 2026

Wir dachten, wir seien gut organisiert. Doch ein Wohnmobil für drei Monate zu packen, ist das geringste Problem – es unterscheidet sich kaum von einer dreiwöchigen Reise. Die wahre Herausforderung ist das Stilllegen des Alltags.

Ein Leben für ein Vierteljahr einzufrieren, verlangt Logistik. Post umleiten, Rechnungen digitalisieren, die Wohnung übergeben, Erreichbarkeiten klären. Dazu kommt die Übergabe im Teilzeitjob und das Einrichten der Remote-Arbeit von unterwegs. Und schliesslich die sozialen Rituale: Abschiede in der Familie, letzte Treffen mit Freunden. Wir sind im Herbst wieder da, wir bleiben erreichbar. Und doch verlangen die Menschen nach Übergängen. Emotionen lassen sich nicht planen.

Dann die unvorhergesehenen Störungen im System. Die elektrischen Rollos der Dachfenster in der Wohnung klemmen plötzlich; ein Handwerker muss in letzter Minute organisiert werden. Der MB Sprinter meldet unerwartet einen tiefen Batterieladestand. Also fahren wir eine sinnlose Runde, nur um die Batterie zu laden. Für zukünftige Standzeiten brauche ich eine bessere Lösung – eine Aufgabe für den Herbst.

Zuletzt der Fokus auf das Material. Jedes Ausrüstungsteil wird nochmals gewogen. Was nicht zwingend nötig ist, fliegt raus. Sogar die Smartphones rüsten wir auf: Panzerglas, schlagsichere Hüllen. Im Norden sind wir auf diese Werkzeuge angewiesen.

Das Chaos lichtet sich langsam. Es ist der Tribut, den man zahlt, wenn man die gewohnte Umlaufbahn verlässt.

Eintrag #13: Ökologischer Fussabdruck – nicht perfekt, aber immerhin.

+++ 14. Juli 2026

Wer heute mit einem Allrad-Reisemobil aufbricht, muss sich erklären. Zumindest vor sich selbst. Ich habe gerechnet. Unser ökologischer Fussabdruck für drei Monate Island? An Land fahren wir – wenn immer möglich – emissionsfrei. Unser Bimobil tankt HVO100* – einen synthetischen Diesel aus Abfallfetten. Das senkt unseren CO2-Ausstoss auf der Piste um 90 Prozent. Strom erzeugen wir selbst, die Sonne liefert über die Solarmodule alles, was wir brauchen. Unser Verbrauch liegt bei null Gramm CO2. Kochgas bleibt eine Randnotiz.

Der ehrliche Einbruch in dieser Bilanz ist die See. Die MS Norröna ist kein Öko-Segler. Die Passage von Dänemark nach Island zieht eine Spur aus Schweröl durch den Nordatlantik. Rund 1.8 Tonnen CO2 verbucht die Fähre auf unserem Konto für die Hin- und Rückreise. Das ist der Preis für den Transport unseres Hauses auf Zeit. Und soviel wie ein Mittelstreckenflug für 2 Personen, beispielsweise Zürich – Dubai – Zürich.

Wir steuern gegen, wo wir können. Beim Einkauf vor Ort verzichten wir auf importierte Flugware, wir kaufen Fisch direkt vom Kutter und Gemüse aus den geothermischen Gewächshäusern der Insel. Am Ende bleibt eine Erkenntnis: Nachhaltiges Reisen ist auch im grossen Offroader möglich. Nicht perfekt, aber immerhin.

*Der alternative Kraftstoff ist mittlerweile an zahlreichen Tankstellen in ganz Europa (unter anderem in Deutschland und der Schweiz) verfügbar. In Island kann man den Treibstoff in den grösseren Orten finden, ausserhalb wird oft der HVO 20/50 angeboten, ein Diesel dem synthetischer Dieser zugemischt wird. HVO100 ist ein klimaschonender, zu 100 % aus biologischen Rest- und Abfallstoffen (wie Altspeiseölen und tierischen Fetten) hergestellter synthetischer Dieselkraftstoff. Er ist chemisch rein, in nahezu allen Dieselmotoren sofort einsetzbar und reduziert die CO₂-Emissionen um bis zu 90 % im Vergleich zu fossilem Diesel.

Eintrag #12: Der Countdown

+++ 13. Juli 2026

In wenigen Tagen geht es los. Die Zeit vor der Abreise misst sich in Listen. Alles wird ein letztes Mal geprüft: Vom Spaten bis zur Desinfektion des Trinkwassertanks. Es gibt keinen Raum für Nachlässigkeit.

Die Vorbereitung ist mathematisch: Medikamente für drei Monate abzählen, die Hausapotheke ergänzen. Der Netgear-Router wird getestet; Erreichbarkeit ist kein Luxus, sondern Basis. Parallel dazu wird das Leben daheim geordnet. Services werden abgemeldet, die Wohnung für die lange Abwesenheit hergerichtet. Wir haben das Privileg, dass Freunde nach dem Rechten sehen. Sie leeren den Briefkasten – die gedruckte Post existiert auch im digitalen Zeitalter beharrlich weiter – und leiten Wichtiges per E-Mail an uns weiter.

Dann die Fotoausrüstung. Sie muss alles abdecken – Landschaften, Vögel, vielleicht Nordlichter, die kommende Sonnenfinsternis. Und doch gilt das Gesetz der Reduktion: Jedes Gramm zählt, das Gesamtgewicht bleibt die Grenze.

Die eigentliche Herausforderung ist das Wetter. Hier am Seerhein herrscht Hochsommer mit 30 Grad. Im Haus packen wir lange Unterwäsche, Winterjacken und feste Wanderschuhe. Ein absurder Kontrast. Wir nehmen nur das mit, was wir zwingend brauchen. Keine Extras, keine Redundanzen. Die Rucksäcke sind bereits verstaut.

Zuletzt die Weekender-Taschen für die Fähre. Zwei Nächte auf See verlangen ein eigenes, kleines Gepäck. Das grosse Auto bleibt im Bauch des Schiffes unerreichbar.

Die Listen sind abgehakt. Die Nervosität weicht der Konzentration. Es beginnt.

Logbuch: Island & Beyond: Der Countdown

Eintrag #11: Mit Einem Lada Niva 4×4 In Den 1980er „Around Iceland“ – Auf abenteuerlichen Wegen in Island

+++ 12. Juli 2026

Als ich unsere diesjährige, lange Reise nach Island vorbereitete, bin ich auf alte Fotos meiner ersten Island-Reise gestossen. Damals – in den 1980er Jahre – fuhr ich auf der „Ringstrasse“ mit einem gemieteten Lada Niva 4×4 rund um die Insel aus Feuer und Eis. Auf abenteuerlichen Wegen – ein wirkliches Strassennetz ausserhalb der Hauptstadt gab es damals noch nicht, die „Ringstrasse“ war eher eine „gute Piste“. Und Abstecher ins Hochland waren sehr beschwerlich und zum Teil nicht ungefährlich, dort war Hilfe weit weg.

Der Begriff „Off-Road“ war uns unbekannt und Twix hiess Raider

Mobile Telefone gab es damals noch nicht und der Begriff „Off-Road“ war uns unbekannt. Wir trugen Levi’s-Jeans, hatten Walkman’s dabei, die „neue Deutsche Welle“ rauschte über uns hinweg. Und der Twix hiess Raider. Die harten Typen rauchten Marlboro, die „gesundheitsbewussten“ Barclay. Und mit dem Lada Niva gab es einen günstigen, kleinen Geländewagen – in Island war er damals fast ein Volkswagen.

Die erste Reise nach Island brachte uns Menschen und Landschaften näher und wir konnten dank dem kleinen Geländewagen eine tolle und pannenfreie Reise unternehmen. Zudem habe ich bei dieser Reise zum ersten Mal einen Geländewagen auf ruppigen und schwierigen Pisten bewegt und so Vertrauen in einen Geländewagen bekommen.

Eintrag #10: Die Vulkane oder: Ruhe vor dem Feuer

+++ 7. Juli 2026

Eigentlich ist Island ein einziger Vulkan. Die Erde arbeitet hier ununterbrochen. Wer diese Insel bereist, muss die lokalen Nachrichten im Auge behalten; der tägliche Blick auf vedur.is und safetravel.is gehört zur Routine.

Ein erster Lagebericht vor unserer Abfahrt zeigt eine trügerische Stille. An der Oberfläche ist es ruhig, doch im Untergrund wächst der Druck:

  • Die Reykjanes-Halbinsel: Seit August 2025 herrscht Schweigen, aber unter Svartsengi haben sich fast 28 Millionen Kubikmeter Magma angesammelt – mehr als vor den vergangenen Ausbrüchen. Ein neuer Spaltenausbruch nördlich von Grindavík gilt in den kommenden Wochen als wahrscheinlich. Die Behörden haben die Gefahrenkarten vorsorglich bis Ende September verlängert. Der Flugverkehr bleibt unbeeinträchtigt.
  • Die Askja: Der Vulkan im zentralen Hochland schläft seit über 60 Jahren, zeigt jedoch seismische Unruhe. Der riesige Kratersee rückte zuletzt immer wieder in den Fokus der Wissenschaftler, weil seine Wassertemperatur untypisch schnell anstieg.
  • Die Hekla: Sie verhält sich ruhig, gilt unter Geologen jedoch als überfällig. Der Innendruck hat das Niveau des letzten Ausbruchs aus dem Jahr 2000 längst überschritten. Das Problem der Hekla bleibt ihre Vorwarnzeit: Sie beträgt oft nur wenige Stunden.
  • Grímsvötn & Katla: Beide schlafen unter mächtigem Gletschereis. Während die Katla stabil bleibt, gilt der Grímsvötn unter dem Vatnajökull als unberechenbar. Die Messwerte haben sich zwar eingependelt, doch die geothermale Hitze erzeugt im Sommer stets das Risiko plötzlicher, massiver Gletscherläufe.
  • Langjökull: Hier herrscht absolute Stille. Ein Fixpunkt der Trägheit.

Wir werden unsere Route flexibel anpassen müssen. In Island bestimmen das Wetter und die Geologie das Tempo. Nicht der Reiseplan


Am 14. September 2024 hatte ich die Gelegenheit, die Spaltenausbrüche auf der Reykjanes-Halbinsel aus der Kursmaschine von Iceland Air zu betrachten und zu filmen. Es war ein beeindruckendes Erlebnis, diese Landschaft aus der Vogelperspektive zu sehen und die riesigen Ausmasse des Gebiets zu erfassen. Auf dem Film ist die Hafenstadt Grindavik sowie die „Blaue Lagune“ (ca. 1:30) gut zu erkennen. Zudem wird einem die unmittelbare Nähe zum internationalen Flughafen Keflavik (Keflavíkurflugvöllur) bewusst. Und besonders eindrücklich waren die erloschenen Ausbrüche der aktuellen sechsten Serie, die deutlich an den Rauchwolken zu erkennen waren.

Eintrag #9: Bürokratie

+++ 22. Juni 2026

Reisen ist auch Fleissarbeit, lange bevor der Motor startet. Die Fähre ist gebucht, der Betreiber hat unsere Ankunft bereits den Behörden gemeldet. Nun verlangt die isländische Zollverwaltung das Formular E9 – die Deklaration für die temporäre Einfuhr ausländischer Fahrzeuge. Viele Fragen, viel Bürokratie. Immerhin: Das Onlineformular erlaubt das Zwischenspeichern, während man die Dokumente zusammenträgt. Eine unerwartete digitale Erleichterung.

Ein plötzlicher Suchlauf in den eigenen Dateien: Wo ist die Grüne Versicherungskarte? Eine Fehlsuche. Sie heisst längst „Internationale Versicherungskarte“ und ist seit geraumer Zeit weiss. Ich finde sie hinter der Police, drucke sie aus und lege sie zu den Papieren. Analoges Vertrauen in einer digitalen Welt.

Nächster Schritt: Eine Vollmacht für Drittpersonen. Das Bimobil ist auf meine Frau zugelassen. Sollte ihr etwas zustossen, brauche ich das Recht, das Fahrzeug auszuführen. Innerhalb des EWR eigentlich nicht nötig. Aber Zollverwaltungen sind oft eigenwillig. Und wer weiss, ob die USA das Land in ein paar Wochen nicht als neuen Bundesstaat annektiert haben. Grönland ist nah. Sicher ist sicher.

Zuletzt die digitale Vorbereitung: Die Parka-App ist installiert und mit dem Kennzeichen verknüpft. In Island herrscht das Pay-by-Plate-Prinzip. Ich will bei der ersten Rast nicht mit Registrierungsformularen auf dem Smartphone kämpfen. Pendent ist noch die Anmeldung für das isländische Roadpricing.

Die Bürokratie ist fast erledigt. Die Dokumente sind sortiert. Island rückt näher.

Printscreen Website Skatturinn (Zollverwaltung)

Eintrag #8: Böhmen und Mähren – Ein Zwischenspiel

+++ 15. Juni 2026

Zwei Wochen Tschechien liegen hinter uns. Eine Reise durch ein diskretes, reiches Land im Herzen Europas. Unsere Route zog sich von den Wanderwegen des Böhmerwalds in Südböhmen über das historische Cesky Krumlov in das Hochland zwischen Böhmen und Mähren. Weiter südlich durch die Kulturlandschaft von Lednice-Valtice und Mikulov bis in die Mährische Walachei in den rauen Beskiden. Wir sahen das monumentale, stillgelegte Stahlwerk in Ostrava, die bizarren Formationen der Adersbach-Weckelsdorfer Felsenstadt in Ostböhmen und schliesslich das mondäne Karlsbad.

Das Reisen mit dem Bimobil ist hier unkompliziert, auch wenn die Suche nach Parkplätzen in den engen Städten manchmal Geduld verlangt. Die Campingplätze waren im Mai teilweise noch im Winterschlaf. Wir fanden Alternativen: einfache Lichtungen im Wald, moderne Campingplätzen an Seen, Stellplätze bei mährischen Winzern und eine Nacht auf einem Stellplatz mitten im Stadtpark von Ostrava.

Die Natur bot alles. Auf die sommerlichen Tage folgten in den Mittelgebirgen empfindlich kalte Nächte. Die Heizung hielt stand. Die grösste Hürde war die Sprache. Wo Englisch versagte, half die Kamera des Smartphones: Google Translate übersetzte uns die Etiketten im Supermarkt.

Die Menschen begegneten uns mit einer unaufgeregten Freundlichkeit. Tschechien war mehr als ein Testlauf für Island. Es war eine Entdeckung. Das Fahrzeug ist bereit. Wir sind es auch.

Eintrag #7: Schrecksekunden

+++ 30. April 2026

Wasser. Es tropft unter dem Bimobil hervor. Der erste Gedanke: Regenwasser vom Dach. Eine Analyse, die nur der eigenen Beruhigung dient. Doch als wir die Wasserpumpe ausschalten, stoppt das Tropfen. Gewissheit.

Die Ursache ist schnell gefunden: Der Hahn der Dusche stand über den Winter in einer Zwischenstellung. Ein klassischer Anfängerfehler. Glück im Unglück: Das Fahrzeug war bereits für die Reise beladen. Die Bodenteppiche und ein Vorrat an Toilettenpapier funktionierten wie ein Schwamm. Sie saugten das Wasser auf, bevor es tiefer in die Struktur dringen konnte.

Wir reinigen, trocknen, schliessen das Ventil. Das Problem ist gelöst. Die anschliessende zweiwöchige Testfahrt durch Tschechien verlief ohne weitere Zwischenfälle. Das Wassersytem funktioniert. Wir haben gelernt.

Eintrag #6: Das Erwachen

+++ 29. April 2026

Der Winterschlaf endet. Es ist ein ritueller Akt: Wasserfilter reinigen, Ventile schliessen, Elasi sichern, den Entleerungsstopfen der Aussendusche einsetzen. Fahrzeug und Solar-Panel vom Winterstaub befreien. Die Technik verlangt Aufmerksamkeit, bevor sie uns wieder trägt.

Wir sind zurück beim Reisemobil-Spezialisten Tartaruga AG. Ein Marder hat im Winterlager seine Spuren hinterlassen – der Schutz des Motorraums ist nun unvermeidlich. Wir investieren weiter in Sicherheit: HEOSafe-Türsicherungen für Fahrer- und Beifahrertür. Die Fahrerkabine ist die Schwachstelle; der Wohnraum im Bimobil gleicht dagegen einem Safe. Und wir montieren ein Verdunklungsrollo für den Dachventilator. In Island wird es 24 Stunden taghell sein. Schlaf braucht Dunkelheit.

Die wichtigste Änderung: BF-Goodrich All Terrain. Wir tauschen Komfort gegen Traktion. Wir kennen diese Reifen im Gelände, doch wie verhält sich das Profil auf dem Asphalt? Ein Experiment. Wir sind skeptisch und lagern die Winterreifen vorerst ein.

Das Bimobil ist bereit. Anfangs Mai führt uns ein zweiwöchiger Testlauf nach Tschechien. Theorie und Praxis müssen sich dort beweisen. Es bleibt nur noch das Einräumen: Bettdecken, Vorräte, der Hausstand auf wenigen Quadratmetern.

Eintrag #5: Die Kunst des Scheiterns (vermeiden)

+++ 12. April 2026

Schwäbische Alb. Hochsommer 2025. Man denkt an sanfte Hügel, doch unter den Reifen unseres Bimobils fühlt es sich anders an. Offroad-Training. Es geht nicht um Geschwindigkeit. Es geht um Zentimeter, um Neigungswinkel und das Vertrauen in die Technik. Wer die Welt abseits des Asphalts entdecken will, muss erst lernen, sein Fahrzeug im Dreck zu lesen. Wir sind bereit für die Pisten dieser Welt.

Island Ticker Bimobil Offroad Training

Eintrag #4: Vom Stillstand in die Bewegung

+++ 2. April 2026

November 2024. Die Übergabe. Unser Abenteuer-Reisemobil mit Allradantrieb, aber noch ohne Geschichte. Wir stellten es direkt ins Winterlager – Vorfreude ist eine stille Disziplin. Dann ab dem Frühling 2025: Sempachersee, Dänemark, das Engadin. Schliesslich Korsika. Mit jedem Kilometer schrumpft die Ehrfurcht vor der Grösse des Wagens, und das Gefühl von Freiheit wächst.

Piste de Saleccia – erste Off-Road „Light“ Kilometer auf Korsika (Oktober 2025)

Eintrag #3: Das Warten oder: Die Ungewissheit

+++ 31. März 2026

Ein Fahrzeug zu konfigurieren bedeutet, Entscheidungen über ein zukünftiges Reise-Leben zu treffen. Jedes Gramm zählt, wenn man unter der 3.5-Tonnen-Grenze bleiben will. Bestellt im Oktober 2021. Lieferzeit: 18 Monate. Dachten wir.

Dann kam die Welt dazwischen. Pandemie, der blockierte Suezkanal, der Krieg in der Ukraine. Kabelbäume fehlten, Komponenten blieben aus. Im September 2023 die Nachricht vom Händler, die alles infrage stellte:

Die Lage: Mercedes konnte keine Liefertermine für das 4×4-Chassis mehr nennen. Die Nachfrage von Blaulichtorganisationen und Militär überstieg die Kapazitäten bei weitem. Der neue Allradantrieb war zu gut, zu begehrt. Für uns bedeutete das: Stillstand auf unbestimmte Zeit. Vielleicht Monate, vielleicht Jahre.

Wir hingen in der Luft. Plan B wurde diskutiert, Alternativen verworfen. Doch Bimobil kämpfte. Ein freies Kontingent wurde gefunden. Wir hatten plötzlich ein Fahrzeug. Ein kleiner Triumph der Hartnäckigkeit. Im November 2024 – drei Jahre nach der Bestellung – geschah das Unerwartete: Das Fahrzeug wurde an uns ausgeliefert.

Selbst die Farben für die Polster müssen sorgfältig ausgewählt werden …

Eintrag #2: Die Wahl des Werkzeugs

+++ 25. März 2026

Nachdem feststand, dass wir reisen würden, kam die Frage nach dem Wie. Die Suche nach dem richtigen Gefährten ist ein Prozess des Ausschlusses. Wir prüften Aufsetzkabinen, klassische Reisemobile und Offroad-Vans. Am Ende blieb das Bimobil EX 366.

Ein Reisemobil ist für uns kein Wohnzimmer auf Rädern. Es ist ein Werkzeug für den Horizont. Ein Schweizer Taschenmesser aus Aluminium-Sandwich. Unsere Wahl fiel aus drei Gründen auf dieses Fahrzeug:

  • Wo Standard-Camper an ihre Grenzen stossen, fängt der EX 366 an. Wir wollten kein GFK und keine Holz-Fachwerke, sondern eine verwindungssteife Kabine, die Schläge einsteckt.
  • Es sind nicht nur der Allradantrieb und die Bodenfreiheit, die über das Vorwärtskommen entscheiden. Es sind die Winkel. Der abgeschrägte Heckabschluss ist kein Design-Element; er ist die Versicherung, an steilen Fährrampen oder in Dünen nicht hängenzubleiben. Und die Wattiefe gibt uns die Freiheit, dort weiterzufahren, wo Brücken fehlen und Flüsse den Weg diktieren.
  • Ein Kastenwagen ist immer ein Kompromiss aus gewölbten Wänden und verlorener Isolierung. Das Bimobil ist ein Bekenntnis zum Raum. Senkrechte Wände, echte Winterfestigkeit bis -20°C.

Es war keine Entscheidung für ein Auto. Es war die Entscheidung für die Unabhängigkeit.

Ein Bimobil EX366 – Ausstellungsfahrzeug bei der Schweizer Vertretung Tartaruga AG in Kleinandelfingen. (Sommer 2020)

Eintrag #1: Die Idee einer langen Reise

+++ 24. März 2026

Island war immer nur ein kurzes Gastspiel. Zehn Tage hier, zwei Wochen dort. Seit den 1980er Jahren liess uns die Insel nicht los. Irgendwann die Entscheidung: Der Vorruhestand wird nicht im Sessel, sondern im Norden beginnen. Drei Monate auf Island. Ein ganzer Sommer.

Doch diese drei Monate sind erst der Prolog. Island ist der Startpunkt für eine Reihe langer Reisen, ein Aufbruch zu neuen Horizonten, für die bisher die Zeit fehlte. Es geht nicht um einen Urlaub, sondern um eine neue Art zu leben.

Heute laufen die Vorbereitungen. Dieser Ticker ist der Anfang einer Reise, die eigentlich schon vor Jahren in unseren Köpfen begann.


Kairos – Die Vermessung der Freiheit. Protokoll einer Teilpensionierung. Mein Kampf gegen mich und die Suche nach dem richtigen Augenblick.


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