1980er Nostalgie – Verklärung eines grauen Jahrzehntes

Die 1980er Jahre. Ein Jahrzehnt, das einfach nicht sterben will und immer wieder von der Nostalgie umarmt wird. Zugegeben, oft dachte ich, die einzige Nostalgie, die diese grauen Jahre verdienen, wäre das Gefühl, endlich entkommen zu sein. Doch warum feiern heute so viele Menschen diese Zeit, warum tragen einige davon als Identifikation mit diesem Jahrzehnt Blondie, Stay Alive oder Joy Division-T-Shirts? 1980er Nostalgie – die Verklärung eines grauen Jahrzehntes?

1980er Nostalgie - Verklärung eines grauen Jahrzehntes

Melancholie und Realität

„Love Will Tear Us Apart“ – ein Abgesang auf die Liebe von Joy Division. Für mich so etwas wie die graue Hymne, der düstere Sound für diese trüben Jahre, ein melancholisches Meisterwerk der Post-Punk-Ära. Tragisch genug, dass der Bandleader sich nur kurz nach der Veröffentlichung das Leben nahm. „When routine bites hard and ambitions are low / And resentment rides high, but emotions won’t grow“ – ein kleiner Hinweis: Wer diese Zeit feiert, hat sie wohl nie erlebt.

Über den grauen 1980ern lastete der Schatten der atomaren Bedrohung. Der RAF-Terror erreichte seinen Höhepunkt. Meine Träume wurden plattgemacht. Mein Bild von Erwachsenwerden war ein anderes. Das Aufregendste, was passierte, war das Mitschneiden der Hitparade auf Kassette oder das Fahren zu einer Anhöhe, um den Piratensender Radio 24 im UKW-Autoradio zu hören. Punks? Fehlanzeige! Dafür immer die Angst, als Nächster im Luftschutzkeller festzusitzen.

Heute werden die 80er romantisiert als Beginn einer Modeepoche – Punks, Popper und Jutesäcke werden glorifiziert. Ich gehörte zum unauffälligen Rest, meine stille Revolte war der Boykott von Manchesterhosen und das Tragen von Jeans und weissen Adidas-Turnschuhen.

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Abseits des Glamours

Ich gebe zu: In den 1980ern lebte ich nicht in der Welt von U2 oder Cyndi Lauper. Die schillernden 80er, die heute gefeiert werden, kannte ich nicht. Stattdessen prägte die graue Dekade mein Leben. In der Tageszeitung las ich über Nacktdemos, Krawalle am Opernhaus, dem Zürcher Platzspitz – ab Mitte der 80er die grösste offene Drogenszene Europas. Über Fichenaffäre und die Enttarnung der Geheimloge P26, Dinge welches die Schweiz erschütterte. Ich erinnere mich an die Propagandafilme der Schweizer Armee, die wir als Rekruten vorgesetzt bekamen. Zucht, Ordnung und eine psychologische Vorbereitung auf das Grauen, das im Ernstfall kommen könnte.

Über all dem schwebte der muffige Geruch unseres Alltags.

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Flucht in die Musik und Amerika war nah

Die einzige Flucht? Die Musik. Sie war politisch, kulturell aufgeladen und voller Dynamik. Für mich als Jugendlicher war sie der Zufluchtsort und mein stiller Protest gegen das Grau. Geprägt von internationalen Pop- und Rocktrends, der New Wave- und Punk-Szene sowie einer aufblühenden elektronischen Musikszene und Mundart-Künstlern.

Dank des Bodensees, der keine Berge im Weg stehen liess, dämmerte es mir: Da gibt es mehr als diese grauen 80er. Vom Bodensee, dem Rhein bis zur Nordsee – Amerika war nah.

Was bleibt von den 80ern? Ein paar durchzechte Nächte und meine ersten Konzerte – das, was gerade in der Gegend gespielt wurde. Wo bleibt meine bunte Erinnerungsbox? Sie ist leer, abgesehen von dem bleiernen Grau. Lehrzeit, Militärdienst. Wer sich nach diesem Jahrzehnt zurücksehnt, hat die Kleingeistigkeit und gescheiterte Träume nie erlebt. Wenn ich ein Bild zeichnen müsste: ein Mix aus Parkplätzen, Betonburgen, Autobahn-Raststätten, Notproviant in Luftschutzkellern und Coiffeur Salon. Kein grelles Neonlicht. Wo war das heute so verklärte Pastell-Licht? Vermutlich nur in New York, London oder „Berlin-West“ – bei uns war es dem Shopville unter dem Zürcher Bahnhof vorbehalten. Der einzige Ort, der nach Mitternacht von der Polizeistunde weitgehend verschont blieb.

Coiffeursalon aus den 80er 1980er Nostalgie - Verklärung eines grauen Jahrzehntes

Endlich das Ende – der Weg in die 90er

Die 80er Jahre endeten und zum Glück marschierte die Rote Armee nicht in die Schweiz ein. Dafür fiel im November 1989 die Mauer in Deutschland. Diese Erinnerung bleibt. Auch die an eine Gesellschaft, die angetrieben wurde von sozialen Bewegungen. Die Schweiz unternahm Schritte in Richtung einer moderneren, inklusiveren und kulturell vielfältigeren Identität. Debatten um Frauenrechte, Jugendkultur und ein Aufeinandertreffen mit der Welt prägten diese Zeit.

Vielleicht brauchte es die grauen, ideologisch verkorksten 80er, um Wege ans Licht zu finden. Eine Zeit, die mir den Eintritt in die 1990er ermöglichte – in meine Freiheit, die ich feiere. Nostalgie über die 80er? Eher den Idealismus, der damals in einer Zukunft lebte, in der es eigentlich keine gab. Wo wir im heute angekommen wären.

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