Campus Galli – mit Handwerk vorwärts in die Vergangenheit

“Letzer Kaffee vor dem Mittelalter” steht mit Kreide auf einer Schiefertafel geschrieben. Wie bitte, kein Kaffee? Dies blieb nicht die letzte Überraschung auf meinem Besuch des Campus Galli, dieser “echten” Baustelle des Mittelalters. In Messkirch unweit vom Bodensee begegnete ich einem waghalsigen Projekt, einem Pojekt welches dazu noch vor 1200 Jahren begann.

Das Campus Galli ist in erster Linie eine verrückte Idee. Reichenauer Insel-Mönche zeichneten im Jahr 830 vor Christus den berühmten St. Galler Klosterplan. Fast 1200 Jahre später hatte ein Journalist die Idee dieses mittelalterliches Kloster mit einer grossen Abteikirche, Wohnräumen, Werkstätten, Stallungen und Gärten nach diesem Plan zu bauen. Aus einer Vision wurde tatsächlich eine Baustelle, vor rund 6 Jahren fingen die Initianten mit dem Bau dieser Klosterstadt an. Fertigstellung der ganzen Anlage wird im Jahre 2060 sein, es wird mit einer Bauzeit von über 40 Jahren gerechnet! 

Ich stehe hier im Wald …

Nach meinem letzten Kaffee ging es dann los in Richtung Baustelle – zweite Überraschung – ich stand nach ein paar Minuten mitten in einem Wald. Vögel zwitscherten. Eine Baustelle sieht definitiv anders aus! Weiter folgte ich einem Pfad und plötzlich – als hätte mich eine Zeitmaschine abgesetzt – entdeckte ich auf einer Lichtung eine Schreinerei. Von hier aus zogen sich weitere Lichtungen durch den Wald auf denen fleissig gewerkelt wurde. Schreiner, Korbflechter, Töpfer, Schmiede, Schindelmacher, Drechsler, Weber, Steinmetze, Seiler und Färber waren an der Arbeit. Auf dem Campus wird alles selbst gemacht. Heisst als Beispiel, dass der Schmied zuerst das Werkzeug herstellen muss, bevor sich die Zimmermänner überhaupt an die Arbeit machen können. Auch der Lehm für die Töpfe wird vor Ort gewonnen, das Erz kommt aus der Gegend und natürlich gibt es einen Kräutergarten, Äcker und Tiere.

Mittelalterliches learning by doing

Insgesamt 45 Angestellte beschäftigt der Campus Galli. 25 davon bilden das Baustellen-Team und sind Fachleute auf ihrem Gebiet. Zu diesen Profis kommen zehn Langzeit-Arbeitslose und rund 15 Freiwillige pro Tag. Alle arbeiten fleissig, doch Effizienz ist hier auf der Baustelle ein anderer Begriff. Im Frühmittelalter ging nichts so schnell wie heute.

“Die grösste Schwierigkeit ist, dass eine mittelalterliche Baustelle mit modernen Auflagen betrieben wird”, erklärte uns die rothaarige Handwerkerin in ihrem mittelalterlichen Gewand, die uns kompetent über das Gelände führte. Und es fehle an schriftlichen Aufzeichnungen, wie die damaligen Menschen mit ihren Werkzeugen umgegangen sind, „niemand wisse eigentlich wie die Handwerker damals funktioniert haben“.

Es ist also learning by doing, selbst wenn die Bauforscher versuchen, alles möglichst echt abzubilden. Und vielfach fehlt es einfach an (Wo)Man-Power. Dies war im Mittelalter einfacher, man konnte sehr schnell zusätzlich benötigtes Hilfs-Personal herbeibefehlen.


Eine ganz andere Herausforderung liegt in der heutigen Zeit. Gerade im Internet findet man unterschiedlich Sichtweisen zum Sinn- oder Unsinn dieses Projekts. Da wird schon einmal auch von einer Art “mittelalterliches Disneyland” gesprochen und das ganze als Blödsinn bezeichnet.

Kritik „mittelalterliches Disneyland“ unangebracht

Diese Kritik finde ich unangebracht. Die Idee den St. Galler Klosterplan 1200 Jahre später in die Realität umzusetzen ist spannend! Und logisch, dass die jetzigen Erbauer sich an die moderne Zeit anpassen müssen. Schon alleine die Sicherheit der Arbeiter und Arbeiterinnen auf der Baustelle geht vor! Mein Eindruck ist ausserdem der Campus Galli tut viel für die Bildung. Gerade für Schulen ist es interessant über das Gelände zu gehen. Dabei dürfen die SchülerInnen Hand anlegen und beispielsweise selbst einen Baumstamm zerlegen, vielleicht daraus sogar Schindeln machen. Aber auch während unserem Besuch nahmen sich die Handwerker Zeit und erklärten gerne, was sie gerade taten.

Hier kann man den historischen Übergang von Holz zu Stein hautnah erleben …

Mein Fazit: Ein Besuch des Campus Galli lohnt sich. Auch wenn das Projekt irgend in einem Anflug von Grössenwahn entstanden sein muss, ist es eben eine tollkühne Idee, die hier zur Realität wird. Ob die Klosterstadt in 40, 50 Jahre oder überhaupt steht ist nicht wichtig. Es ist der Prozess, den geschichtlichen Übergang von Holz zu Stein selber mitzuerleben. Hier ist das Handwerk die Basis um das mittelalterliche Leben zu verstehen und besser kennen zulernen. Für die fleissigen „handwerklichen Bauforscher“ wie aber auch für uns als Besucher.

Übrigens der Minzen Tee in der mittelalterlichen Schenke ist kein Ersatz für einen guten Kaffee. Doch ich kann es drehen und wenden wie ich will, Kaffee gelangte erst im 16. Jahrhundert nach Europa und war hier auf dem Campus Galli, also in der karolingischen Zeit, nicht bekannt. Anstatt Minzen-Tee dann schon eher ein Becher Honig-Met, so ein Art Wein aus Honig.

Die Küche im Mittelalter scheint sehr aromatisch gewesen zu sein

Die Linsensuppe (mit karolingischer Wurst), Dennetle (ein Art Flammenkuchen) und der Honigkuchen sind dann allerdings schon fast eine eigene Reise hierher wert. Erstaunlich scheint mir, wie aromatisch die Küche im Mittelalter schon gewesen ist.

Auf den Baufortschritt bin ich gespannt

Hierher – also ins Mittelalter – werde ich zurückkehren. Denn eigentlich bin ich jetzt schon über den Baufortschritt richtig gespannt. So wird bald die Scheune des Klosters aufgebaut. Dieses Bauwerk wird aufgrund der Grösse und Form des Dachwerks beeindruckenden sein.

Weitere Impressionen aus der karolingischen Klosterstadt


St. Galler Klosterplan, mittlerer Ausschnitt
Quelle Wikipedia, gemeinfrei

Rekonstruktionszeichnung des Klosters nach dem Klosterplan von Johann Rudolf Rahn, 1876
Quelle Wikipedia, gemeinfrei

https://www.campus-galli.de/

Standort und Adresse der Klosterstadt-Baustelle:

Die Mittelalter-Baustelle befindet sich ca. sechs Kilometer ausserhalb von Messkirch, im Dreieck Rohrdorf-Langenhart-Engelswies, direkt an der Bundesstrasse B 313, Abzweigung Langenhart.

Anschrift: Hackenberg 92, D-88605 Messkirch (wird über das Navigationssystem nicht immer gefunden)

GPS-Koordinaten: 48.033°N, 9.109°E

Quellen: Führung vor Ort, Homepage Campus Galli, Wikipedia, Internet, u.a.

Bilder: Michael’s Beers & Beans
Michael’s Beers & Beans ist ein Hobby-Blog und nicht kommerziell.  Dieser Post ist in Ergänzung zu meinen Bildern als Small Talk, Gedankenaustausch und Plauderei zu verstehen, hat daher weder den Anspruch vollständig, noch komplett aktuell zu sein. Um sich in ein solches Thema zu vertiefen, empfehle ich unbedingt weitere Quellen zu überprüfen.


Das Campus Galli lebt von den arbeitenden Handwerkern und Handwerkerinnen. Aus diesem Grund habe ich im Sinne der „Street Photography“ mich entschieden in diesem Post Personen abzubilden. Diese Bilder werden nicht kommerziell genutzt, die Bildrechte verbleiben beim Fotografen. Sollte jemand damit nicht einverstanden sein, dann bitte um Mitteilung an mich arosa(at)icloud.com, dann werden wir eine Lösung finden.

Verfasst von

Michael’s Beers & Beans – Stories and Photos posted by Michael Schneider – ideas brewed with water of the Rhine. (Blogging for Fun / Non-Commercial) Zurich & Lake Constance

6 Kommentare zu „Campus Galli – mit Handwerk vorwärts in die Vergangenheit

  1. Scheint ein absolut spannendes Projekt zu sein, da man sich mit vielen Herausforderungen auseinandersetzen muss. Und wer weiss, auf welche selbst für unsere Zeit sinnvolle Erkenntnisse sie stossen werden. Wir sind ja noch nicht am Ende der Weisheit unserer Tage, und manchmal ist ein Schritt zurück ein Schritt vorwärts … insbesondere, wenn man vorher auf dem falschen Weg war …?
    Vielleicht geht es aber auch nur um das Fühlen des Lebens in jener Zeit. Es war ja wohl nicht alles rosig, aber definitiv entschleunigt …

    Gefällt 1 Person

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