Die weisse Hölle von Canari, Korsika
An der Westküste des Cap Corse, wo das Mittelmeer azurblau leuchtet und wilder Thymian duftet, wird eine der schönsten Küstenstrasse am Mittelmeer abrupt unterbrochen. Zwischen Canelle und Ogliastro thront ein Betonkoloss – die Ruine der Asbestmine von Canari. Ein zerschelltes Raumschiff, ein prähistorisches Wesen, das hier, am schönsten Fleck der Insel, an den Machbarkeitswahn des Menschen erinnert, an die weisse Hölle von Canari.
Von der Strasse aus nur eine Fabrikfassade, Fenster zerschlagen, Dächer löchrig. Planen verdecken den Blick, Schilder warnen vor Betreten und Gesundheitsrisiken.
Diese Ruine war einst der Stolz Korsikas. Zwei Jahrzehnte lang. Asbest, der Wunderwerkstoff der Nachkriegszeit, brachte Reichtum auf die ewig arme Insel. 1946 begann der Betrieb, Hauptaktionär: Eternit, ein Konzern, der mit Asbest zum Weltunternehmen aufstieg. Und in Canari die grösste Abest-Fabrik von Europa aufbaute.
Asbest, der Bergflachs. Unbrennbar, säure- und witterungsbeständig, extrem fest. Ideal für Schiffbau, Bau, Autoindustrie, Elektrotechnik, Textilien.

Asbest krebserregend
Doch gäbe es Asbest nicht, hätten unzählige Menschen ein längeres, gesünderes Leben gehabt. Seine Fasern sind so fein, dass sie tief in die Lunge eindringen. Dort verursachen sie chronische Entzündungen, Asbestose, Lungenkrebs, Mesotheliome. Die Tücke: eine Latenzzeit von zehn bis sechzig Jahren. Wenn der Krebs ausbricht, ist es oft zu spät. Der Verursacher längst vergessen.
Die Risiken waren bekannt. 1906 wurde Asbestose beschrieben, 1943 Lungenkrebs als Berufskrankheit anerkannt, seit 1970 gilt Asbest offiziell als krebserregend. Einzelne Länder verboten ihn früher, doch erst 2005 zog die EU nach. Die Lobbyarbeit der Produzenten hatte jahrelange Verzögerungen bewirkt. In Schwellenländern wird Asbest noch immer gefördert und verarbeitet.
Seit 1960er steht die Fabrik da, aufgegeben.
Lange sicherte man den Ort, hielt die Ruine instand. Doch 2022 gab der Präfekt von Haute-Corse den Befehl zum Abriss. Einsturzgefahr, zu gross das Risiko für die Bevölkerung und die D80. Dieses Jahr begann der Rückbau. Ein hässliches Symbol der Industriegeschichte verschwindet. Was mit dem Gelände geschieht, ist ungewiss. Sicher ist nur: Ein Denkmal soll entstehen. Für die vielen, die an Asbestose starben. In der Welt. Und hier in der weissen Hölle von Canari.
Quelle: Corse Matin, Wikipedia

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