Island – die überrannte Insel?

Michael’s Reisenotizen

Ich fotografiere gerne, ich schreibe gerne, ich wandere und reise gerne und vor allem staune ich gerne!

Vom Geheimtipp zum Touristenmagneten: Island – die überrannte Insel?

Island – ein Land aus Feuer und Eis, das einst Synonym für unberührte Natur und abgeschiedene Ruhe war, erlebt heute einen beispiellosen Touristenboom. Als Reagan und Gorbatschow in den 80er Jahren im weissen Holzhaus Höfði den Kalten Krieg beenden wollten, rückte das beschauliche Reykjavik erstmals in den Fokus der Weltgeschichte – und wohl kaum jemand ahnte, welch dramatische Veränderung dieses abgeschiedene Inselparadies noch erfahren würde.

Heute pulsiert Reykjavik, die nördlichste Hauptstadt der Welt, das ganze Jahr über vor Leben. Touristen in bunten Thermojacken bevölkern die Strassen, ihre Kameras klicken unaufhörlich, während Reisebusse im Minutentakt die Naturschönheiten ausserhalb der Stadt ansteuern. Island, die dünn besiedelte Vulkaninsel am Polarkreis, lockt mit ihren Geysiren, Gletschern und Wasserfällen jährlich Millionen von Besuchern an.

Vom Geheimtipp zum Touristenmagneten: Islands rasante Entwicklung
Reykjavik, die nördlichste Hauptstadt Europas, ist zu einer sehr modernen Stadt geworden. (Bild 2024)

Neue Hotels schiessen wie Pilze aus dem Boden, Restaurants bieten internationale Küche und isländische Spezialitäten an, Outdoorbekleidungs-Geschäfte und Souvenirläden florieren. Reykjavik ist lebendiger denn je – mit einer pulsierenden Partyszene und einer blühenden Kunst- und Kulturszene.

Abenteuer Island: Wenn Touristen die Natur unterschätzen

Doch nicht nur die schiere Anzahl der Touristen stellt Island vor Herausforderungen. Es ist auch die, sagen wir mal, besondere Art einiger Besucher, die den Isländern die Stirn runzeln lässt. Man muss sich das vorstellen: Menschen, die vermutlich noch nie einen Fuss in arktische Gefilde gesetzt haben, stapfen in Sandalen auf Gletschern herum, als wäre es der Strand von Mallorca. Kaum haben sie einen Geländewagen in der Hand, geben sie Gas und brettern – trotz strengstem Verbot – offroad durch die empfindliche Landschaft. Sie hinterlassen tiefe Spuren und eine Schneise der Verwüstung, die selbst nach 50 Jahren noch sichtbar sein werden. Selfies werden zur Lebensgefahr: Immer wieder stürzen Touristen in Wasserfälle, Lava-Spalten oder sonst wo ab. An den schwarzen Stränden werden sie von der tückischen Springflut überrascht und in den eiskalten Ozean gezogen.

Island - die überrannte Insel?  Fotografierende Touristen am Godafoss
Fotografierende Touristen am Godafoss. (Bild 2024)

Und obwohl die Behörden den Weg zum Vulkan auf Reykjanes wegen akuter Gefahr sperren, marschieren unerschrockene Abenteurer trotzdem los. Der Rettungsdienst – bisher von freiwilligen Helden gestemmt – muss entkräftete, verirrte und durch Gase vergiftete Touristen reihenweise bergen. Manchmal gleicht Island einem Abenteuerspielplatz für Erwachsene, die ihre Grenzen austesten – und die Geduld der Isländer.

„Reisen“ auf Isländisch: Kirchen als Notunterkunft und im Mietwagen durch Sandstürme

„Zelten“ auf Isländisch bedeutet oft: Sobald der erste Windhauch weht oder ein paar Regentropfen fallen, flüchtet sich diese „Zelter“ zum Übernachten in die geheizten sanitären Anlagen des Campingplatzes oder – noch besser – in die nächste kleine Kirche. Die Verantwortlichen mussten die Kirchen inzwischen für die Öffentlichkeit schliessen, weil Touristen sie regelmässig als Nachtlager missbrauchten.

Island - die überrannte Insel?
Einst standen solche Kirchen mit ihren wunderschönen Innenräumen allen Besuchern offen, doch nachdem Touristen sie als Notunterkünfte nutzten und teils verwüsteten, mussten die Hofkirchen landesweit für Besucher geschlossen werden. (Bild 2024)

Sturm? Ach was! Frisch fröhlich düsen Touristen mit ihren Mietwagen durch die Landschaft, ohne die Windanzeigen am Strassenrand zu beachten. 15 Meter pro Sekunde? (entspricht einer Windstärke von 7 Beaufort) Was soll’s! Und ab geht’s mitten in einen Sandsturm. Die Autos landen im Graben, heranfliegende Steine schlagen die Scheiben ein, der Innenraum füllt sich mit Sand, Eis und Schnee. Und wer muss wieder ausrücken? Na klar, die Landsbjörg, der isländische Rettungsdienst. Die Rechnung des Autovermieters – Schäden durch Sandstürme sind natürlich nicht versichert – sorgt dann für lange Gesichter.

Rund 20 Mietwagen hatten im Herbst 2022 die Sturmwarnung des isländischen Wetterdienstes ignoriert. Diese fuhren trotz
Warnstufe Rot (=bleiben sie zu Hause) durch den Möðrudalsöræfi, einer wüstenhaften Gegend im Hochland.
Diese Fahrzeuge blieben alle auf der gut ausgebauten Strecke stecken oder wurden umgeworfen. Die Wucht des Sturmes drückte die Seitenscheiben der Fahrzeuge komplett ein. Alle Insassen mussten gerettet werden und eine Nacht in einer provisorischen Unterkunft verbringen. (Bild 2022: Rücktransporte der zerstörten Mietwagen)

F-Strassen und Fiat Ducato – wenn Camper im eisigen Fluss untergehen

Dieses Jahr entdeckten wir ein Wohnmobil, das auf einer schwierigen F-Strasse – nur für echte Geländewagen geeignet – in einer Furt stecken geblieben war. Der Fiat Ducato schwamm noch ein paar Meter flussabwärts und versank dann kläglich. Die beiden Insassen retteten sich aufs Dach. Handyempfang? Fehlanzeige!

Kein Wunder, dass Island seinen Rettungsdienst professionalisieren muss. Die freiwilligen Helfer kommen mit den unerschrockenen Touristen und ihren abenteuerlichen Eskapaden einfach nicht mehr hinterher.

Überlastung der Infrastruktur: Island ächzt unter dem Touristenandrang

Dieser Boom hat weitere Schattenseiten. Nach einem kurzen Rückgang während der Pandemie verzeichnete Island im vergangenen Jahr fünf Millionen Logiernächte – ein neuer Rekord! Davon entfielen allein 3,2 Millionen auf Reykjavik und Umgebung. Die Zeichen stehen auf Overtourism, vor allem in der Hauptstadt und entlang des berühmten Golden Circle, der Touristenroute zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten.

Idyllisches Ferienhaus in Nord-Island (Bild 2024)

Vergleicht man Island mit Graubünden, einem der führenden Tourismuskantone der Schweiz, werden die Unterschiede deutlich. Zwar verzeichnete Graubünden 2023 mit 5,4 Millionen fast so viele Logiernächte wie Island, doch verteilen sich diese auf ein viel kleineres Gebiet und eine grössere Bevölkerung. Pro Quadratkilometer gab es in Graubünden 16 Mal mehr Logiernächte als in Island. Trotzdem spricht in Graubünden niemand von Overtourism oder Tourismusboom.

Wachstum um jeden Preis? Die Kehrseite des Tourismusbooms

Der Grund für Islands Problem liegt im rasanten Wachstum. Während die Logiernächte in Graubünden 2023 leicht zurückgingen, stiegen sie in Island um satte 31,8 %! Diese zweistelligen Zuwachsraten sind fast schon die Norm – abgesehen von den Jahren der Pandemie. Islands Infrastruktur, insbesondere in Reykjavik, kommt mit diesem Ansturm kaum noch hinterher.

Island - die überrannte Insel? Nordlichter führen zum Touristenboom im Winter
Nordlichter ziehen viele Touristen in den Bann. Daher ist Island auch zu einer boomenden Winterdestination geworden. (Bild 2024)

Die Folgen sind vielfältig: Wohnraum wird knapp, die Preise steigen, die Natur leidet. In Reykjavik stehen fast 8 % aller Wohnungen auf Airbnb, in manchen Vierteln wird die Hälfte des Wohnraums an Touristen vermietet. Isländer werden aus ihren Wohnungen verdrängt, die Mieten explodieren. Der durchschnittliche Hypothekenzins liegt bei über 9 % – der höchste Wert in Westeuropa. „Die Tourismuswirtschaft wächst viel zu schnell“, warnte der Zentralbankgouverneur. Die Inflation steigt, die Lebenshaltungskosten klettern in die Höhe. Island wird unerschwinglich, sowohl für Einheimische als auch für Touristen.

Von der Finanzkrise zum Touristenparadies: Wie Island zum Filmset wurde

Dabei begann der Boom aus der Not heraus. Nach dem dramatischen Wirtschaftszusammenbruch von 2008 setzte Island alles auf die Karte Tourismus. Mit intensiven Marketingkampagnen und verlockenden Angeboten von Icelandair wurden Reisende angelockt. Die Filmindustrie entdeckte die atemberaubende Landschaft als vom isländischen Staat subventionierte Kulisse für Blockbuster wie James Bond, Fast & Furious und Science-Fiction-Filme wie Star Wars, Thor und Interstellar. Und machten Island in der ganzen Welt berühmt.

Nachhaltigkeit als Herausforderung: Wie kann Island seine Natur schützen?

Heute kämpfen beliebte Sehenswürdigkeiten wie Geysir und Gullfoss mit bis zu 6’000 Besuchern täglich. Wie kann Island seine unberührte Natur bewahren? Die Isländer und Isländerinnen ergreifen erste Massnahmen: Sie legen Parkplätze an, errichten Holzstege zum Schutz der empfindlichen Vegetation und bauen Toilettenanlagen. Ausserdem diskutieren sie eine Tourismussteuer und planen, den Rettungsdienst zu professionalisieren.

Island - die überrannte Insel?
Die Ruhe dieses Bildes täuscht. Der Myvatn im Norden von Island ist schon lange zu einem Hotspot geworden, auch hier werden immer mehr Hotels – zum Teil in den Naturschutzgebiete – gebaut. (Bild 2024)

Strengere Umweltvorschriften für Kreuzfahrtschiffe

Auch die Kreuzfahrtschiffe stellen eine Herausforderung dar. Vor vier Jahren verhängte Island ein Verbot für Schiffe, die Schweröl verwenden. Strengere Umweltvorschriften sind in Planung, Häfen werden ausgebaut, Landstromanschlüsse installiert. Die Anzahl der Schiffe wird begrenzt.

Island - die überrannte Insel? Kreuzfahrtschiffe überrollen Island.
Akureyri hat ca. 19’000 Einwohner – diese beide Kreuzfahrtschiffte erhöhen kurzfristig die Einwohnerzahl um einen Drittel dieses kleinen Städtchens. Da (noch) kein Landstromanschluss vorhanden ist, laufen die Dieselmaschinen der beiden Schiffe die ganze Zeit – um Strom für über 6’000 Menschen zu produzieren. Krass, oder? (Bild 2024)

Zukunftsperspektiven: Zwischen Massentourismus und nachhaltiger Entwicklung

Noch ist Island kein zweites Venedig oder Barcelona. Doch die Gefahr ist real. Reykjavik ächzt unter dem Ansturm, die Infrastruktur ist überlastet. Reisende, die die abgelegene Natur geniessen wollen, finden noch einsame Orte. Doch Island muss handeln, investieren, nachhaltige Lösungen finden. Besorgniserregend ist, dass sich der Tourismus immer weiter in die unberührte Natur ausbreitet, ins Hochland, die grösste unbewohnte Wildnis Europas. Auch der Skitourismus boomt, insbesondere das Heliskiing.

In 1973 crashed DC-3 from US-Navy, Sólheimssandur, Iceland - als Synonyme für den drohenden Absturz der isländischen Tourismuswirtschaft!
Droht der isländischen Tourismuswirtschaft der Absturz? (Bild 2008)

Während an den bekannten Sehenswürdigkeiten endlich Infrastruktur entsteht, werden neue Hotspots in der empfindlichen Natur geschaffen. Der Staat hinkt hinterher, kann nur zusehen, wie die Touristenströme die fragile Landschaft überfluten und zerstören.

Island steht am Scheideweg. Der Tourismus hat dem Land Wohlstand gebracht, doch der Preis ist hoch. Es ist Zeit für einen Kurswechsel, für einen nachhaltigen Tourismus, der die einzigartige Natur und die Lebensqualität der Isländerinnen und Isländer bewahrt.

P.S. Wenn ein Tourist über Touristen den Zeigefinger hebt …

Bilder 2024: Hochland und Bad in einem von heissen Quellen gespiesenen Naturpool – auf einer Oase inmitten einer Hochland-Wüste. Wie lange darf ich dies noch so ursprünglich und alleine geniessen?

Es ist natürlich nicht ganz frei von Ironie, wenn ein Tourist über andere Touristen schreibt und dabei den Zeigefinger hebt. Auch ich, obwohl ich Island seit den 1980er Jahren bereise und dieses Land liebe, bin Teil des Problems. Doch gerade deshalb fühle ich mich verpflichtet, hinzuschauen, die Entwicklungen kritisch zu beobachten und zum Nachdenken anzuregen. Schliesslich möchte ich auch in Zukunft die Schönheit und Unberührtheit Islands geniessen – und dafür tragen wir alle eine Verantwortung.

Michael’s Beers & Beans ist ein Hobby-Blog und nicht kommerziell. Dieser Post ‚Island – die überrannte Insel?‘ ist in Ergänzung zu meinen Bildern als Small Talk, Gedankenaustausch und Plauderei zu verstehen, hat daher weder den Anspruch vollständig, noch komplett aktuell zu sein. Um sich in ein solches Thema zu vertiefen, empfehle ich unbedingt weitere Quellen zu überprüfen.. Quellen: Iceland Review, RUV, Mibir, Internet, Gespräche mit IsländerInnen, Reiseführer und Touristen, statistische Behörden, usw.


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