Corona WebLog #26: Give me the vax! Impftermin!

Nie hätte ich im Traum daran gedacht, Teil der zweiten Impfwelle zu sein. Ich habe mich ganz normal – als „leicht gefährdete Person“ – im Impfportal “VacMe” registriert. Das System spukte dann aus, dass ich zur Impfgruppe D gehöre und ich mich irgendwann einmal zu einem Termin anmelden könne. Umso überraschter war ich, als ich in der Presse kurz daraufhin las, dass sich jene in der Impfgruppe D nun zu einem Termin anmelden können. Sofort ins Impf-Portal eingeloggt und siehe da, es wurden mir zwei Termine – für Impfung 1 und 2 – zugeteilt.

So ganz ohne administrativer Aufwand ging es allerdings nicht. Ich musste mich noch bei meinem Hausarzt melden, der mir ein gefordertes medizinisches Attest ausstellte.

So hatte ich alles zusammen: Attest, Krankenkassenkarte, Termincode und Impfbüchlein. Ich freute mich – give me the vax! Respektive, nein?! Halt! Will ich das überhaupt? Warum bin ich jetzt schon daran, während andere über Sechzig, Menschen in exponierten Berufen wie Lehrer oder Gesundheitspersonal noch nicht alle geimpft sind? Und wie ist es mit den Langzeitfolgen des Impfstoffes? Sind nicht gerade einige Ärzte und Pflegefachleute skeptisch was die Sicherheit des Wirkstoffes angeht? Auf der anderen Seite: 2020 hat auch bei mir seinen Tribut gezollt. Ehrlich gesagt, ich habe so die Schnauze voll von der Pandemie, dass ich mich immer öfter dabei erwische, seltsame Sachen zu googeln: Yoga für Anfänger, Mediation, Testament, wer ist Berset wirklich? Halt solches Zeugs.

Ich lese viel über die Entwicklung des Impfstoffes, aber mir bleiben nur solche Sätze haften, wie „Wahrscheinlich ist es so, dass …“, „Vieles deutet darauf hin…“, „Es könnte sein, dass…“.

Meine Gefühle fangen plötzlich an gegeneinander zu ringen: eine leichte Furcht wegen den Nebenwirkungen, bin ich unsolidarisch, ein Impfdrängler? Skepsis stellt sich gegen Freude und meiner grossen Hoffnung auf das „new normal“. Und dann kommt da auch noch so ein Pflichtgefühl als Eidgenosse gegenüber dem Impftermin hoch.

Heute stehe ich also hier. Bei schönsten, frühlingshaftem Wetter vor dem Impfzentrum „Hallenbadweg“. Ein Holzsteg führt mich zwischen der Sporthalle und den Beach Volleyball-Plätzen in eine Art aufgeblasene Halle.

Typisch Schweizerisch – es hat gefühlt ewig gedauert, bis dieses Impfzentrum aufgebaut worden war. Aber jetzt ist alles extrem schnell und kontaktlos (sogar der Happy-or-Not-Smily-Terminal am Schluss). Die Abläufe sind durchgängig bis in die kleinsten Details hervorragend organisiert. Zudem sind die Menschen im Impfzentrum sehr freundlich und hilfsbereit.

So werde ich am Empfang nett begrüsst, mein QR-Code eingescannt, über die ID erfolgt ein kurzer Check, ob ich es auch wirklich bin. Nach der Einlasskontrolle wird Fieber gemessen. Dann erhalte ich eine neue, grüne Hygiene-Maske verpasst, muss die Hände desinfizieren und werde anschliessend in einem Raum, der wie eine „Check In“-Halle in einem kleinen Flughafen aussieht, an einen der vielen Schalter gebeten. Dort gebe ich alle meine Dokumente ab. Freundlich werde ich aufgeklärt, dass ich unbedingt zur zweiten Impfung den Nachweis der ersten Impfung mitbringen muss. Meine Impfung erfolge heute mit «Comirnaty» von BioNTech/Pfizer und der Nachweis dient dazu, dass ich bei der zweiten Impfung nicht den falschen Impfstoff erwische.

Dann geht es weiter, erstmal wieder Hände desinfizieren. Der nächste Teil des Impfzentrum erinnert stark an einen Apple Store. Nach kurzem Anstehen werde ich in die Impfkabine 2 gebeten. Dort von einem jungen Mann im weiss-blauen Outfit begrüsst, der hinter dem PC sitzt und mich alles mögliche über meinen Gesundheitszustand fragt. Eine Frau, im ganz weissen Outfit, scheint die „Impfspezialistin“ zu sein. Nach dem der junge Mann das OK gegeben hat, setzt diese die Spritze beim mir im linken Oberarm an (damit ich morgen als Rechtshänder noch etwas tun könne, meinte sie mit einem „Augenlächeln“). Ich merke nichts. Also noch nicht. Dann wird mir ein Kärtchen in die Hand gedrückt, darauf steht von Hand geschrieben 18.14 Uhr – meine Entlassungszeit. Freundlich und mit etwas Smalltalk verabschiede ich mich von den Beiden und der Weg führt mich weiter in Richtung „Ruheraum“. Ein grosses Schild „Warten“ empfängt mich. Dort nimmt mich wieder jemand in Empfang und bietet mir an, drinnen oder draussen auf der Terrasse (bei einem Kaffee) zu warten. Um herauszufinden, ob die Spritze bei mir nicht unmittelbar etwas auslöst. Ich entscheide mich für drinnen – so bin ich näher beim Arzt. Man weiss ja nie.

Kaum habe ich mich hingesetzt, ist die Zeit schon um. Über den Holzsteg geht es zurück zum Parkplatz. Für die ganze Impferei habe ich gerade einmal eine Stunde gebraucht. Ein paar Minuten später bin ich zurück mitten im Feierabendverkehr der Stadt. Als wäre nichts gewesen.

Mein rechter Arm tut etwas weh, doch die Impfung vetrage ich gut. Am Folgetage fühle ich mich etwas „down“, aber vielleicht ist es auch nur etwas Einbildung. Bereits zwei Tage später fühle ich mich gut.

Ich bin nicht kompetent oder sogar berufen hier eine Impfempfehlung auszusprechen, schon gar nicht aus medizinischer Sicht. Doch möchte ich für die Impfung etwas werben. In diesem Chaos braucht es Kraft und Weitsicht für eine solche Entscheidung. Für eine freiwillige Entscheidung die dazu beitragen wird, die aktuelle Pandemie einzudämmen. Gratis gibt es eine Rückkehr ins „new normal“ nicht. Menschen die sich nicht Impfen mögen, werden für ihren Schutz selbst aufkommen und Einschränkungen akzeptieren müssen. Rein quantitativ wird dies weniger schmerzhaft sein als Einschränkungen für die ganze Bevölkerung.

Wenn bald noch grossflächiger geimpft wird und sich schrittweise das Ende des Shutdowns abzeichnet, dann bedeutet solidarisch zu sein, sich auch über die zurückgewonnen Freiheiten der Mitmenschen zu freuen.

Die Antikörperbildung durch die Impfung spüre ich nicht. Klar, noch bin ich nicht immunisiert, die zweite Impfung steht in vier Wochen an. Darum heisst es auch für mich noch lange: Rücksicht nehmen, Abstand halten, Masken tragen, Hygienemassnahmen, Homeoffice und verzichten.

So bleibt bei mir im Moment ein gutes Gefühl, dass ich vielleicht im Sommer ein Stück dieser Freiheit zurückerobern kann und bald über die Schwelle ins „new normal“ schreiten darf.