Jetsetting machte Schloss Chillon berühmt

Michael’s Reisenotizen: Jetsetting machte Schloss Chillon berühmt

Jährlich besichtigen etwa 400.000 Erwachsene und Kinder das Schloss Chillon in Veytaux, östlich von Montreux. Damit zählt es zu den meistbesuchten Baudenkmälern der Schweiz, möglicherweise sogar zu den meistfotografierten historischen Stätten unseres Landes.

Als ich vor dem Schloss stand, stellte ich mir Fragen: Wie kommt ein solcher Erfolg zustande? Warum verbinden so viele Touristen Schloss Chillon mit der Schweiz? Und wie schafft es ein solches Schloss, neben dem Matterhorn eines der beliebtesten Reisemotive zu sein?

Die Antwort liegt in der einzigartigen Lage, in der reichen Geschichte dieses Ortes. Und am „Jetsetting“ des 18. und 19. Jahrhunderts!

Aber der Reihe nach: Schloss Chillon erhebt sich auf einer Felsinsel, die bis zu acht Meter aus dem Wasser ragt, nur wenige Meter vom Festland entfernt. Der steile Felshang des beeindruckenden Berges Rochers-de-Naye reicht bis ans Seeufer, wodurch zwischen Ber und der Felseninsel ein ganz enger Durchgang entstanden ist. Wer von Vevey oder Montreux ins Wallis fahren will, muss hier passieren.

Von prähistorischen Siedlungen zur strategischen Festung

Die Besiedlung der Gegend beginnt in der prähistorischen Zeit, wie die Funde einer Siedlung aus der Bronzezeit zeigen. Zu römischer Zeit verlief hier eine bedeutende Handelsroute, die Oberitalien über den Grossen Sankt Bernhard mit Lausanne und Genf verband und möglicherweise schon damals einen ersten Steinbau auf der Felsinsel sah. Im frühen Mittelalter führte eine bekannte Handels- und Pilgerstrasse, die Via Francigena, an Chillon vorbei. Eine Burg entstand, verwaltet vom Bischof von Sitten, dem der Burgunderkönig Rudolf III. im Jahr 999 die Grafschaftsrechte im unteren Rhonetal übertragen hatte.

Im Laufe der Zeit ging Chillon an die Grafen von Savoyen, die eine Strategie zur Kontrolle der westlichen Alpenpässe verfolgten. Ab dem 11. Jahrhundert erlangten sie langsam die Kontrolle über das untere Rhonetal, während die Burg Chillon zunächst im Eigentum des Bischofs blieb, mit den Savoyern als Burgherren. Später übernahmen sie die Burg vollständig, errichteten eine Strassensperre und eine Zollstation. Chillon wurde zur Festung, in der auch Feinde gefangen gehalten wurden.

Im ausgehenden Mittelalter geraten die Savoyer zunehmend in Konflikt mit dem aufstrebenden Stadtstaat Bern. Nach den Burgunderkriegen mussten sie 1476 die Herrschaft Aigle im unteren Rhonetal an Bern abtreten, und Chillon wurde zur savoyischen Grenzfeste. Die Reformation in Genf gab schließlich den Ausschlag für einen entscheidenden Machtwechsel. Im Februar 1536 rückten die Berner ein und besetzten das savoyische Waadtland, zur Verdrängung der Savoyer aus dem nördlichen Genferseegebiet. Letztlich machten diese Karriere und wurden Herren des Königreichs Piemont-Sardinien und später auch Könige von Italien.

An diesem sonnigen Morgen liegt das Schloss Chillon friedlich umgeben vom Wasser des Genfersee und bietet einen wahrlich bezaubernden Anblick.

Setjetting dank Rousseau, Byron & Co.!

Bereits lange bevor der Begriff „Setjetting“ geprägt wurde, zogen Reisende zu Orten, die durch Kunst und Literatur berühmt wurden. Im 18. und 19. Jahrhundert pilgerten Literaturliebhaber und Kunstbegeisterte an Schauplätze großer Werke. Der Balkon von Romeo und Julia in Verona ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie fiktive Geschichten reale Orte in Pilgerstätten verwandeln. Auch Schloss Chillon erlebte, angestoßen durch die Werke von Jean-Jacques Rousseau und Lord Byron, einen Ansturm von Besuchern. Ihre literarischen Beschreibungen erweckten das Schloss zum Leben und machten es zu einem Sehnsuchtsort für Reisende aus aller Welt.

Das heutige Setjetting, das Reisen zu Drehorten von Filmen und Serien, knüpft an diese Tradition an. Filme und Serien haben die Rolle von Büchern als Inspirationsquelle für Reisende übernommen. Der Drang, die fiktive Welt mit der Realität zu verbinden, bleibt zeitlos.

Das einst feuchte Schloss war kein komfortabler Sitz für die Berner. 1733 wurde der Sitz des Landvogts nach Vevey verlegt, und Chillon diente nur noch als Magazin und Gefängnis. Erst Jean-Jacques Rousseau machte die Gegend um Schloss Chillon europaweit bekannt. Sein 1761 erschienenes Buch «Julie ou La Nouvelle Héloise», ein Bestseller des 18. Jahrhunderts, weckte das Interesse der Aristokraten, die während ihrer Grand Tour die Gegend von Vevey und Clarens besuchen wollten. So rückte auch Schloss Chillon in ihren Fokus.

Im Jahr 1798 ging die Alte Eidgenossenschaft und die Republik Bern unter den französischen Revolutionstruppen unter, und Schloss Chillon gehörte nun dem Canton du Léman, später dem Kanton Waadt. Es blieb weiterhin ein Gefängnis, und die Revolutionäre wurden durch die Feinde der Revolution ersetzt.

Lord Byron dichtet

Nach den Napoleonischen Kriegen sicherte sich Schloss Chillon seine Zukunft als Touristenattraktion. Im Sommer 1816 verließ der gefeierte englische Dichter Lord Byron seine Heimat, nachdem seine Beziehungen zu Frauen in einen Skandal geraten waren. Zusammen mit seinen Dichterfreunden Percy Bysshe Shelley und Mary mietete er eine Villa bei Genf.

Von dort aus erkundeten sie die Umgebung, und als sie nach einem Schiffbruch im Juni 1816 das Schloss Chillon erreichten, waren sie tief beeindruckt. Hier erfuhren sie die Geschichte vom eingekerkerten Genfer Freiheitskämpfer Bonivard, und Lord Byron begann, die Verse über ihn zu schreiben, die später als „The Prisoner of Chillon“ bekannt wurden.

At last came men to set me free;
I ask’d not why, and reck’d not where;
It was at length the same to me,
Fetter’d or fetterless to be,
I learn’d to love despair.

– Lord Byron

Diese Erzählung wurde ein Bestseller und sorgte dafür, dass nicht nur Rousseau-Verehrer, sondern auch Byron-Fans das Schloss besuchen wollten. Ab den 1820er Jahren konnten sie dies auch gefahrlos tun; Dampfschiffe fuhren über den Genfersee.

Bald wurde Chillon zu einer Ikone für eine ganze Romantiker-Generation. Literarische Stars wie Alexandre Dumas und Gustave Flaubert besuchten und besangen das Schloss, und der Maler Eugène Delacroix hielt es in einem Gemälde fest.

Château Chillon, Lord Byron und der Fotograf

Schloss Chillon wird zugänglich

Zusätzlich wurde in den 1860er Jahren eine Eisenbahnlinie entlang des Genfersees gebaut und führte direkt am Schloss vorbei. Diese Verbindung wurde ein entscheidender Vorteil, als die Simplonstrecke nach Mailand eröffnet wurde. Tausende von Reisenden passierten fortan das Schloss. Später wurde auch eine Autobahn gebaut, die oberhalb von Chillon verläuft und einen großartigen Blick auf den See bietet.

Es überrascht nicht, dass jährlich Tausende von Menschen aus der ganzen Welt hier Halt machen. Welche Geschichten werden sie mit nach Hause nehmen?

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