Bonjour la Corse!
Postkarte aus Korsika
Korsika stand dreissig Jahre auf meiner Liste. Der Norden rief lauter. Doch dann die Fähre, Livorno, Bastia. Und plötzlich: Eine traumvolle Insel – Bonjour la Corse!
Es ist Oktober, permanenter Spätsommer. Meine Frau und ich reisten durchs Hochgebirge, wüstenähnliche Gebiete und zu einsamen Stränden. Wanderungen an der Küste. Besuchten ein paar Hotspots. Jeder Tag endete mit einem Bad im Meer oder Bergfluss. Korsika öffnete sich: bekannt und unentdeckt.

Korsika: Gebirge im Meer
Die Insel ist die viertgrösste im Mittelmeer. „Gebirge im Meer“ – das stimmt. Über 2’700 Meter hoch, dann weisse Sandstrände. Eine raue Bergwelt, eine mediterrane Küste. Ein Eldorado für Aktive: Wandern (z.B.GR20), Canyoning, Wassersport.
Meine Höhepunkte:
- Die roten Felsen der Calanche de Piana (UNESCO-Weltnaturerbe).
- Bonifacio, hoch auf weissen Kalksteinklippen.
- Cap Corse, die nördliche Halbinsel. Mein Lieblingsort: Tollare.
- Die fast unbewohnte Désert des Agriates mit dem Saleccia- und Lotu-Strand.
- Aiguilles de Bavella, ein Bergmassiv von nadligen Gipfeln.
- Sartène, die „korsischste aller korsischen Städte“. Granit, enge Gassen. Die Alta Rocca im Rücken, der Blick auf den Golf von Valinco.

Die Kurven. Ja, die Kurven.
Man hatte mich gewarnt. Ich, fast in den Alpen aufgewachsen, dachte: So schlimm wird’s nicht. Es wurde schlimm. Das Strassennetz der Insel gleicht einem Teller voller Spaghetti, Kurven komplex verschlungen, chaotisch, aber mit einer gewissen Logik, die sich einem langsam erschliesst. Strassen, die anderswo nur Single Tracks wären, oft vergessen und kaum noch unterhalten. Links Äste, Felsen. Rechts der Abgrund zum Meer. Oft hunderte Meter. Mit dem Reisemobil: eine Herausforderung. Ein Vorurteil widerlege ich: Korsen sind gelassene Autofahrer. Also meistens.
Wir fuhren die abenteuerlichsten Strecken. Quer durch die Mitte, mitten durchs Hochgebirge. Strassen die an Klippen klebten. Schotterpisten zu Stränden die Unberührtheit erweckten. Fantastisch. Nebenbei habe ich mein Brevet als „Kurvenkünstler“ erhalten.



Schrotflinten
Was kritisieren? Hochsommer: Menschenmassen, üblicher Druck. Preise: selbst in der Nachsaison Schweizer Niveau. Infrastruktur: Strassen abseits der Küsten, irgendwann gebaut, dem Zerfall überlassen. GSM-Abdeckung oft null, und wenn, schwaches 3G/4G. Wo die Natur leicht zugänglich, Abfall. Mit Schrotflinten zur Unkenntlichkeit zerschossene Verkehrsschilder – auf der ganzen Insel. Ich interpretierte sie als Freipass für uns und unser Reisemobil. Vielleicht noch die Corsica-Ferries-Chaos-Truppe… aber lassen wir das.

Die wilde Seele Korsikas
Das alles ist wohl der Preis für Korsikas wilde Seele. Unberührte, raue Natur. Eine gewisse Toleranz für Wege abseits der Touristenpfade. Diese Unperfektheit macht den Reiz aus. Man taucht tief ein in die authentische Landschaft. Ursprüngliche Dörfer. Ein Abenteuer in Europa fernab der polierten Pfade. Für mich war es die Kombination: touristische Hotspots, Badestrände und diese unverfälschte, raue Schönheit. Das ist Korsikas einzigartiger Reiz.

Korsen, Küche, Maroni
Die Korsen, denen wir begegneten, waren freundlich, ihr Wesen gelassen. Tatsache: Korsen sind keine Franzosen. Das wissen sie selbst, und die Franzosen wissen es auch. Ein Zitat aus der Normandie: „Die Korsen sind in Nordafrika Richtung Europa losgeschwommen und weil sie zu bequem für alles sind, haben sie es nur bis Korsika geschafft.“ Franzosen und Korsen – eine komplizierte Liebe. Ich mische mich da nicht ein. Korsisch, einst verboten, breitet sich wieder aus. Amtssprache bleibt Französisch. Englisch? Verbreitet.
Ganz französisch wird es beim Essen und Trinken, wenn auch rustikaler. Hier dreht sich alles um Fleisch und Käse. Überall: eine riesige Auswahl an Würsten, Terrinen, Schinken. Dazu Schafs- und Ziegenkäse. Die Küche: eine Mischung aus Italien, Spanien, Provence, sogar Arabien. Die Korsen verstehen sich auf würzige Kräuter der Macchia: Rosmarin, Lavendel, Myrte, Wacholder, Thymian. Usw. Fisch und Meeresfrüchte, klar. Spezialitäten: „Aziminu“, eine gebundene Fischsuppe. Oder „Civet de Sanglier“, ein Ragout von den halbwilden Schweinen aus den Bergen. Dazu ein „Vin de Corse“. Vegetarier? Haben es etwas schwerer, sie freuen sich vielleicht an den Maroni, die hier neben Brot zu allem Möglichen verarbeitet werden. Sogar zu Bier.


Napoléon, der Korse
Fast hätte ich es vergessen: Überall trifft man auf Napoléon, hier geboren. Er schrieb über Korsika: „Dieser hauchzarte Duft nach Thymian und Mandeln, Feigen und Kastanien und dieser Hauch von Kiefer, diese leichte Andeutung von Beifuss, diese Ahnung von Rosmarin und Lavendel. … Ich könnte Korsika mit verbundenen Augen am Duft erkennen.“ Also ich inzwischen auch.

Weitere Reisnotizen findest Du hier: Curves & Soul – Michael’s Reisenotizen aus Korsika
Euer Kurvenkünstler

P.S. Auch Napoléon III. streifte auf Korsika umher. Der Kreis zum Bodensee schliesst sich.
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